Rezension: „28 Tage lang“ von David Safier

„28 Tage lang“ von David Safier (Bildquelle: Rowohlt)

„‚Die zweitschärfste Waffe des Tyrannen ist die Lüge‘, freute sich der Tyrann. ‚Und die schärfste?‘, fragte Hannah. ‚Die Angst'“ (S. 389)

Inhalt: Das Warschauer Ghetto 1943: Das Naziregime verbreitet Angst und Schrecken während die Bevölkerung mit Hunger und Entbehrungen zu kämpfen hat. Unter ihnen, die 16jährige Mira, die versucht mit Schmuggelware ihre Schwester und Mutter durch die schwere Zeit zu bringen. Bis zu dem Tag, als das Ghetto komplett geräumt werden soll und sie sich die Fragen stellt, „Was für ein Mensch willst du sein?“

Leseeindruck: Ich habe mich beim Lesen oft gefragt: Wieviel kann ein Mensch denn überhaupt aushalten? Denn Mira, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, muss unwahrscheinlich viel aushalten. Verzicht, Hunger, Angst, Willkür und Gewalt gehören für sie und alle anderen Ghettobewohner zum Alltag (kann man bei so einem Leben überhaupt von Alltag sprechen?) Und dennoch gibt es auch Momente des Glücks, der Freundschauft und Schwärmerein. Ein wenig Marmelade reicht schon, um Mira für einen Moment all ihre Sorgen vergessen zu lassen. Es ist eben nichts selbstverständlich in der Welt des Ghettos.
Mira erlebt so viele seelische und körperliche Grausamkeiten, dass man gar keine Zeit hat, alles auf sich wirken zu lassen. Eine unfassbare Situation folgt auf die nächste. Zeit für Sentimentalitäten bleibt da nicht, selbst Trauer um gute Freunde muss hinten anstehen.
Letztendlich bin ich froh, dass die Dreiecksbeziehung zwischen  Daniel, Mira und Amos nicht das Hauptthema geworden ist. Es zeigt aber, dass zwischenmenschliche Beziehungen der wichtigste Antrieb für den Überlebenswillen sind. Im Mittelpunkt dagegen stehen der jüdische Widerstand und dessen Kämpfer.
Die einzelnen Szenen werden emotional beschrieben, sodass die Atmosphäre des Ghettoalltags greifbar wird. Authenzität entsteht auch durch eine ganze Reihe verschiedener Charaktere, die Miras Weg kreuzen: religiöse Familien, stolze Waisenkinder, Kollabotrateure, mutige Kämpfer. All diese Menschen leben im Ghetto und haben daher zurecht ihren Platz in der Geschichte.

Lieblingsnebencharakter: Ben Rothaar. Er und Mira haben die gleichen Beweggründe sich dem Widerstand im Ghetto anzuschließen. Seine Entschlossenheit für den Kampf macht ihn zu etwas besonderem. Es war auch schön anzusehen, wie sich Miras Einstellung zu ihm ändert. Und ganz wichtig: Er durfte ein Teil von Hannahs Fantasiewelt der „777 Inseln“ sein.

Fazit: Dies ist wirklich ein ganz besonderes Buch. Für jeden, der etwas über das Warschauer Ghetto und den Widerstand erfahren will.  Mich hat das Buch generell dazu animiert, noch mehr über das Leben im Warschauer Ghetto zu erfahren. Es ist eine sehr gut recherchierte Geschichte, genau die richtige Mischung aus Fakten und Fiktion. Eine Geschichte, die zum Nachdenken anregt, denn sehr oft habe ich mir selbst die Frage gestellt: Was würde ich in dieser Situation machen und Was für ein Mensch will ich sein? Die Frage hat mich auch noch beschäftigt, nachdem ich das Buch schon lange zugeschlagen hatte. Dieses Buch ist ab sofort definitiv eines meiner Lieblingsbücher.

Bewertung:
5 Stars

Bibliographische Angaben:
Titel: 28 Tage lang
Autor: David Safier
Verlag: Kindler (Rowohlt)
ISBN: 9783463406404
Ausgabe: Hardcover (16,95€)

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