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Rezension: „Das Buch der Spiegel“ von E.O. Chirovici

„Das Buch der Spiegel“ von E.O. Chirovici (Bildquelle: Goldmann)

„Sechsundzwanzig Jahre später sollte sich meine Sicht der Dinge ändern. Ich erfuhr die Wahrheit über die Ereignisse jener Monate – nicht dass ich danach gesucht hätte, sie traf mich vielmehr wie eine verirrte Kugel.“ (S. 90)

Inhalt: Das Fragment eines autobiographischen Buches sorgt für Aufsehen, da es genau an der Stelle endet, die die größte Spannung verspricht. Der Literaturagent Peter versucht nun mit Hilfe des Journalisten John und dem ehemaligen Polizisten Roy mehr über die ganze Geschichte zu erfahren. Was verband den jungen Schriftsteller Richard Flynn mit der Studentin Laura Baines und dem Professor Joseph Wieder? Was wusste Richard alles und wo befindet sich das komplette Manuskript? Die drei müssen eine Menge ungelöster Fragen der Vergangenheit klären, um die Wahrheit über die Ereignisse des Jahres 1987 herauszufinden. Dabei erzählen nicht alle Beteiligten die Wahrheit, denn kann man nach mehr als 20 Jahren seiner Erinnerung noch trauen?

Leseeindruck: Das Buch beginnt mit dem Manuskript Richard Flynns. Darin beschreibt der die Ereignisse des Jahres 1987 und wie alles zum tragischen Höhepunkt geführt hat. Schon diese Schilderung machte mich wahnsinnig neugierig, denn ich habe ständig versucht zwischen den Zeilen zu lesen, um vielleicht mehr über den Hergang der Tat zu erfahren. Ich kam mir schon selbst vor wie ein kleiner Ermittler, denn Richard schildert alles aus der Ich-Perspektive. Kaum nimmt die Geschichte so richtig an Fahrt auf, wechselt auch die Perspektive zu einem anderen Ich-Erzähler. Dieser Bruch lässt die Spannung nur noch stärker werden. Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich bei einem Buch so richtig gefesselt war, aber die Erzählstruktur der Geschichte ist wirklich einmalig. Mit mehr oder weniger vagen Andeutungen, der wechselnden Erzähler wächst beim Lesen die Erwartungshaltung und man ist ständig dabei die Geschehnisse im Kopf neu zu ordnen. Kaum hat man sich eine Theorie zurecht gelegt und glaubt die Wahrheit nun zu kennen, wird man im nächsten Kapitel eines besseren belehrt. Und das alles auch noch ohne irgendwelche Logiklücken. Ich hatte beim Lesen mehr als einen Aha-Moment.
Der Stil ist möglicherweise gewöhnungsbedürftig, denn jeder Erzähler schildert das Erlebte chronologisch und sachlich aus der Ich-Perspektive. Viel Emotionen werden nicht transportiert und doch fühlt man sich als Leser angesprochen. Es ist fast so, als begleite man die (privaten) Ermittler ganz nah bei ihren Recherchen. Man kann jeden Schritt verfolgen und nach und nach ergeben die vielen Einzelheiten ein umfassendes Bild, so dass man endlich die ganze Wahrheit über die schicksalhafte Nacht im Jahr 1987 erfährt.
Der psychologische Aspekt der Geschichte hat mir gut gefallen, hierbei dreht sich alles um unsere Erinnerungen und inwieweit man diesen trauen kann. Ein Thema, das in allen verschiedenen Erzählebenen aufgegriffen wird und auch mich als Leser nicht mehr losgelassen hat. Auch nachdem ich das Buch zugeklappt habe, habe ich mir noch Gedanken über den Ausgang der Geschichte gemacht und wie alles soweit kommen konnte. Ich kann mir gut vorstellen, dass man beim nochmaligen Lesen einzelne Abschnitte mit ganz anderen Augen liest, da man den Ausgang der Geschichte ja nun kennt.
Je nach Kapitel wechselten auch die von mir vergebenen Sympathiepunkte. War mir ein Charakter zu Beginn noch sympathisch konnte das 50 Seiten später schon wieder ganz anders aussehen, denn schließlich hatte ich jetzt mehr Informationen. Nur leider müssen die ja nicht richtig sein… Und schon waren die Karten wieder neu gemischt. Langweilig wird’s dem Leser auf keinen Fall, denn bis zum Schluß gibt es noch neue Enthüllungen zu entdecken.

Lieblingsnebencharakter: Ich muss zugeben, dass mir dieses Mal die Nebenfiguren nicht allzu sehr im Gedächtnis geblieben sind. Wobei sich in diesem Buch auch die Frage stellt, wer sind überhaupt die Nebencharaktere? Richard, Laura, Professor Wieder und Derek Simmons sind die Hauptfiguren des eigentlichen Falls. Peter, John und Roy versuchen in der Gegenwart die Wahrheit ans Licht zu bringen, und auch wenn ohne die drei eine Aufklärung des Verbrechens von 1987 nicht möglich gewesen wäre, spielen sie doch nur eine untergeordnete Rolle. Die spannende Geschichte hat sich 1987 zugetragen. Vor diesem Hintergrund wähle ich Roy zu meinem Lieblingsnebencharakter. Seine Motivation, die Geschichte aufzuklären ist besonders, noch dazu ist er am hartnäckigsten. Er hat sich einfach der Wahrheitsfindung verschrieben. Soviel Einsatz sollte belohnt werden.

Fazit: Ein unheimlich spannendes Buch mit vielen unerwarteten Wendungen. Niemals kommt Langeweile auf, ganz im Gegenteil die Spannung ist von Anfang bis Ende sehr hoch. Der Leser darf teilhaben an den Ermittlungen und dabei zusehen, wie die eine oder andere Theorie aufkommt und wieder verworfen wird, denn auch wenn man glaubt von Beginn an zu wissen, was wirklich passiert ist, man muss sich immer wieder eines besseren belehren lassen. Nichts ist so schwierig zu finden wie die Wahrheit, noch dazu, wenn man nur die eigene Erinnerung hat. Ein psychologischer Krimi, der sich mit der Macht der eigenen Erinnerung auseinandersetzt. Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung.

Bewertung:
5 Stars

Bibliographische Angaben:
Titel: Das Buch der Spiegel
Autor: E. O. Chirovici (Übersetzung: Silvia Morawetz / Werner Schmitz)
Verlag: Goldmann
ISBN: 9783442314492
Augabe: Hardcover (Preis: 20,00 EUR)

Gemeinsam lesen: „Das Buch der Spiegel“ von E. O. Chirovici

1. Welches Buch liest du gerade und auf welcher Seite bist du?

Ich lese gerade „Das Buch der Spiegel“ von E. O. Chirovici aus dem Goldmann Verlag. Gestern habe ich das Buch beendet.

2. Wie lautet der erste Satz auf deiner aktuellen Seite?

Mit dem Satz würde ich hier alle spoilern, deshalb habe ich mich für einen anderen Satz entschieden. Ich nehme einfach mal den ersten Satz des Romans.

„Ich bekam das Schreiben im Januar, als alle in der Agentur sich noch von ihrem Festtagskater zu erholen versuchten.“ (S. 6)

3. Was willst du unbedingt aktuell zu deinem Buch loswerden?

In dem unglaublich spannenden Roman geht es um ein Fragment eines autobiographischen Manuskripts von Richard Flynn. Darin wird die komplizierte Beziehung des Autors zu Laura Baines und Prof. Wieder thematisiert. Aber genau als es eine unerwartete Wendung in der Geschichte gibt, hört das Manuskript auf und die restlichen Seiten sind nicht aufzutreiben. Natürlich will man als Leser nun erst Recht wissen, was es mit der Beziehung der drei auf sich hat.

Ich will hier nicht zu viel verraten, aber die Erzählstruktur der Geschichte sorgt für viel Spannung, denn nach und nach wird man mit verschiedenen Erinnerungen an die Ereignisse im Jahr 1987 konfrontiert. Kaum hat man sich seine eigene Theorie zurecht gelegt, wird mit der nächsten Aussage wieder alles über den Haufen geworfen. Bis zum Schluss bleibt die Geschichte spannend.

Alles dreht sich um die Wahrhaftigkeit von Erinnerungen, und der Frage danach, ob man seinen eigenen Erinnerungen immer glauben kann. Ich kann das Buch nur jedem empfehlen. Es ist ein Krimi mit unheimlich viel psychologischen Elementen.

4. Welches Buch eines eher unbekannten Autors/Autorin hat dich zuletzt begeistert?

Was ist denn mit unbekannten Autor gemeint? Ein Newcomer? Dann würde ich Elizabeth LaBan „So wüst und so schön sah ich noch keinen Tag“ (Rezension) nehmen. Ein sehr gelungenes Romandebüt über einen Außenseiter und seine große Liebe. Ein sehr tiefgründiger Roman über Liebe, Mobbing und den Mut zu sich selbst zu finden. Jedenfalls ist mir dieses Buch spontan bei dieser Frage eingefallen.

Oder ist mit unbekannt eher ein Autor etwas anderes gemeint? Vielleicht ein Selfpublisher oder überhaupt ein Autor ohne großen Publikumsverlag im Rücken? Dann habe ich leider keine Antwort, denn ich habe schon eine sehr lange Zeit kein Buch mehr eines solchen Autors gelesen.

Wer mehr erfahren will: Gemeinsam Lesen ist eine Aktion von Schlunzen-Bücher.

Lasst mir gern einen Kommentar da, was ihr gerade so lest.