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Rezension: „Der kleine Laden der einsamen Herzen“ von Annie Darling

„Der kleine Laden der einsamen Herzen“ von Annie Darling (Bildquelle: Penguin Verlag)

„Wir können es machen wie alle anderen Buchhandlungen, oder wir konzentrieren uns darauf etwas Besonderes zu sein. Wir könnten die Adresse für Liebesromane werden.“ (S. 71)

Inhalt: Die Buchhandlung in Bloomsbury läuft nicht gerade gut und ist auch schon ziemlich heruntergekommen, aber er ist Posys Leben. Sie ist quasi dort aufgewachsen, also stellt sie sich der Herausforderung, als sie den Laden erbt. In Posys Leben gab es bisher viele Rückschläge, aber mit Liebesromanen kennt sie sich aus, deshalb plant sie eine ganz besondere Buchhandlung, in der es nur Liebesromane geben soll. Nur leider sieht Sebastian, der Enkel der verstorbenen Besitzerin, das alles ein wenig anders. Es beginnt eine Geschichte, die auch eine Menge Stoff für Posys eigenen Liebesroman bietet.

Leseeindruck: Ok, der Titel und auch die Covergestaltung deuten schon darauf hin, dass man es hier nicht mit großer anspruchsvoller Literatur zu tun haben, aber dennoch hatte ich eine Menge Spaß mit dem Buch. Hin und wieder braucht man auch mal ein Buch fürs Herz und Gemüt. Genau so ein Buch ist „Der kleine Laden der einsamen Herzen“. Im Prinzip kann man sich zwar von Anfang an vorstellen, wie alles ausgehen wird, aber der Weg dahin ist doch das eigentlich unterhaltende. Mit viel Charme und Witz verfolgt man Posys Weg zum Glück. Es gilt einige Rückschläge einzustecken und dabei nie den Mut zu verlieren. Ich hatte durchweg ein gutes Gefühl beim Lesen und dachte: Ach, ist das schön. 🙂 Ok, einen großen Anteil daran hat natürlich der Schauplatz der Geschichte, denn die meiste Zeit bewegen wir uns in der kleinen beschaulichen Buchhandlung „Bookends“. Also war es um mich geschehen und ich habe mein Herz an die Buchhandlung verloren. Nicht nur mit Sebastian, Posy oder einem der anderen liebenswerten Figuren, habe ich mitgefiebert. Ich wollte immer wissen, wie es mit „Bookends“ weitergeht. Eine Buchhandlung die mit viel Liebe und Idealismus geführt wurde und die Posy nun mit ihrer ganz eigenen Art weiterführen will. Mir hat es gefallen, wie diese Entwicklung dargestellt wurde. Bei allem Kitsch und vielen Klischees, die hier auch zu finden sind, würde ich der Buchhandlung sofort einen Besuch abstatten, wenn es sie gäbe 🙂 Man nimmt Posy einfach ihr Faible für Liebesromane ab.

Wenn man sich einmal auf die Story einlässt und einem klar ist, dass dieses Buch einfach nur für kurze Zeit unterhalten will, ohne dem Leser eine große Botschaft mit auf den Weg zu geben, sorgt auch die Handlung der zweiten Erzählebene für eine Menge Spaß. Darin dürfen wir in Posys eigenem „Schundroman“ lesen. Einfach nur herrlich wie sie ihr eigenes Leben in einen historischen Nackenbeißerroman verwandelt. (Natürlich mit Sebastian als amourösen Held)
Ich glaube die Autorin hatte selbst eine Menge Spaß beim Schreiben, denn so ist es ihr doch tatsächlich ein amüsanter Genremix aus verschiedenen Liebesromanen gelungen.

Natürlich gibt es auch ernste Momente, die eben auch zum Leben gehören. In meinen Augen ist der Autorin die Balance zwischen Drama und Komödie hier gut gelungen. Die Emotionen kommen in keinem Fall zu kurz. Die Charaktere sind zwar recht stereotyp, aber sie haben alle ihre persönlichen Eigenheiten, die sie besonders machen. Dabei habe ich -natürlich- das Personal der Buchhandlung besonders in mein Herz geschlossen. In diesem Roman konnte ich schnell meine Sympathien verteilen und lag auch (kaum) daneben mit meinen Einschätzungen.

Lieblingsnebencharakter: Ach, ich mochte Verity, eine der Angestellten gern. Sie arbeitet zwar in der Buchhandlung, verabscheut aber Kundenkontakt und kümmert sich daher um die Finanzen. Großartig, wie ihre Abneigung gegen andere Menschen dargestellt wird. Man möchte ihr zurufen: „Augen auf bei der Berufswahl“ 😉 Trotzdem ist sie sympathisch, da sie sich ihrer Schwäche bewusst ist, und Posy mit dem Blick über die Finanzen unter die Arme greift. Es hat eben jeder andere Stärken. Wirklich im Gedächtnis geblieben ist mir aber Lavinia (die Vorbesitzerin), die so liebevoll auch nach ihrem Tod noch die Fäden in der Hand behalten hat. Dass ich mich nicht so recht entscheiden kann, zeigt nur, dass Posy ohne ihre Familie und Freunde aufgeschmissen wäre 🙂

Fazit: „Der kleine Laden der einsamen Herzen“ ist wahrlich was fürs Leserherz. Ein Buch, dass einen für ein paar Stunden wunderbar unterhält und einen dabei auch noch mit in eine bezaubernde Buchhandlung nimmt. Man sollte sich im Klaren sein, dass einen hier keine allzu anspruchsvolle Literatur erwartet, vielmehr eine romantische Liebesgeschichte mit viel Charme. Wer mit dieser Erwartungshaltung das Buch aufschlägt, wird wunderbar unterhalten werden. An der einen oder anderen Stelle ist die Story vorhersehbar, deshalb gibt es gute 4 Sterne von mir.

PS: Übrigens soll „Der kleine Laden der einsamen Herzen“ der erste Band einer Reihe sein. Dann bin ich mal gespannt, wie es mit der Buchhandlung und Posy weitergeht.

Bewertung:

4 Stars

Bibliographische Angaben:
Titel: „Der kleine Laden der einsamen Herzen“
Autorin: Annie Darling (Übersetzung: Andrea Brandl)
Verlag: Penguin
ISBN: 9783328100980
Ausgabe: Taschenbuch (Preis: 10,00 €)

Rezension: „Der Jahrhundertsturm“ von Richard Dübell

„Der Jahrhundertsturm“ von Richard Dübell (Bildquelle: Ullstein)

 “ ‚Die Eisenbahn […] kann diese dumpfe Feindschaft überwinden. Wir bauen daran. Du, wir … was wir tun bringt den Frieden.‘ “ (S. 281)

Inhalt: Die Eisenbahn beginnt in der Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Siegeszug durch Europa. Die Welt ist im Umbruch und die europäischen Mächte ringen um die Vorherrschaft auf dem Kontinent. In diesen unruhigen Zeiten, die von revolutionären Gedanken geprägt ist, lernen sich Alvin, Paul und Louise kennen. Die drei könnten unterschiedlicher nicht sein. Alvin, ein preußischer Junker und Paul, ein bayrischer Techniker treffen auf die Französin Louise. Die drei müssen mit allerlei Schicksalsschlägen fertig werden und werden immer wieder von den Fehlern ihrer Vergangenheit eingeholt. Und als wäre das nicht schon genug, müssen die drei sich auch noch mit der Sehnsucht nach der großen Liebe rumschlagen.

Leseeindruck: Die mehr als 1000 Seiten dieses Romans lassen sich wirklich gut lesen. Man kommt gut rein in die Geschichte, denn die Figuren werden Kapitel für Kapitel vorgestellt, so ergibt sich schnell ein umfassendes Bild und man kann schnell seine persönlichen Sympathiepunkte vergeben. Klar, hier hat man einen typischen historischen Roman vor sich: Gut gegen Böse. Noch dazu bekommt man sofort mit, wer hier Intrigen spinnt und wer dagegen eine ehrliche Haut ist. Die Motive der einzelnen Figuren zeichnen sich schon von Beginn an klar und deutlich ab.
Man mag nicht immer einverstanden sein, mit den Entscheidungen, die die Charaktere treffen, aber doch erhält der Leser für alle Entwicklungen eine plausible Begründung geboten. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass die Figuren bestimmte Entscheidungen nur treffen, damit die Story an anderer Stelle oder an einem anderen Schauplatz weitergeführt werden kann. Besonders bei Louise hatte ich dieses Gefühl. Kaum ist sie glücklich, trifft sie Entscheidung, die nicht nur für ihr weiteres Leben von großer Bedeutung ist, sondern auch das Leben von Alvin und Paul auf den Kopf stellt. Auf diese Weise bleibt die Geschichte aber immer abwechslungsreich, denn man weiß als Leser nie, wo die Reise (im wahrsten Sinne des Wortes) noch hin geht.
Mir hat es gefallen, wie die Handlung um Alvin, Paul und Louise in den geschichtlichen Rahmen der Zeit eingefügt wurde. Die beginnende Industrialisierung mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes und die politischen Machtkämpfe der einzelnen europäischen Staaten bilden eine tolle Kulisse für die persönlichen Schicksale der Figuren. Man kann sich richtig gut in die Zeit reindenken und die Lebensumstände der Menschen nachempfinden. Hin und wieder sind mir aber gerade die Ausführungen zu politischen und militärischen Themen etwas zu umfangreich. Für meinen Geschmack hätte man da durchaus etwas raffen können, denn an der einen oder anderen Stelle ging es mir zu zäh voran. Das mag allerdings nicht jeder so sehen, wer sich vielleicht nicht so gut mit der politischen Situation in der Mitte des 19. Jahrhunderts auskennt, der wird über die Ausführen vielleicht ganz froh sein. Denn nur im Zusammenhang mit der jeweiligen politischen Lage lassen sich auch die privaten Entscheidungen der Figuren begründen. Da ich schon immer ein Faible für diese Zeit hatte, war mir die eine oder andere Erläuterung überflüssig.
Grundsätzlich kann ich aber nur den Hut ziehen: So umfangreiche und komplizierte politische Verhältnisse als Hintergrund für eine Familiengeschichte heranzuziehen ist dem Autor wirklich gut gelungen.

Lieblingsnebencharakter: In diesem Roman gibt es eine ganze Menge von wichtigen und unwichtigen Nebencharakteren. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir da der preußische Polizist Bronkowski. Der trägt das Herz auf der Zunge und ist dabei immer für einen Spaß zu haben. Alvin und Paul können froh sein ihn als Freund zu haben. Er hat den beiden von Beginn an den Rücken frei gehalten und dabei sein eigenes Wohlbefinden stets hinter an gestellt. Ein echter Freund.

Fazit: Ich mag die Familiengeschichte der von Briests wirklich sehr. Der Roman ist sehr abwechslungsreich. Von Freundschaft über Intrigen bis hin zu politischen Machtkämpfen ist alles enthalten. Schießereien wechseln sich mit romantischen Szenen ab, da sollten sich eine Menge verschiedener Leser angesprochen fühlen. Ein historischer Roman, der zwar auch eine Menge Klischees bedient, aber nicht doch auch überraschen kann. Gerade wer das ausgehende 19. Jahrhundert mag, wird die Kulisse der Geschehnisse lieben. An einigen Stellen war mir die Geschichte zu langatmig, aber alles in allem wurde ich gut unterhalten. Ein wahrer Schmöker, mit dem man ein paar nette Lesestunden verbringen kann.

Bewertung:
4 Stars

Bibliographische Angaben:
Titel: Der Jahrhundertsturm (Jahrhundertsturm, Bd. 1)
Autor: Richard Dübell
Verlag: Ullstein Verlag
ISBN: 9783548286648
Ausgabe: Taschenbuch (Preis: 9,99 €)

Reihe:
Bd. 1 „Der Jahrhundertsturm“
Bd. 2 „Der Jahrhunderttraum“

Rezension: „So wüst und so schön sah ich noch keinen Tag“ von Elizabeth LaBan

„So wüst und schön sah ich noch keinen Tag“ von Elizabeth LaBan (Bildquelle: Hanser)

 „Er hatte den Moment miterlebt, als die Dinge kippten, als aus etwas Schönem etwas Schreckliches wurde. Er hatte das Blut im Schnee gesehen.“ (S. 54)

Inhalt: Duncan geht in die Abschlussklasse des Irving-Internats. Dort ist es Brauch seinem Nachfolger ein Geschenk im Zimmer zu hinterlassen. Duncan bekommt etwas ganz besonderes von Tim: Eine handvoll CD’s auf denen Tim die Ereignisse des letzten Jahres Revue passieren lässt. Eine Zeit die Duncan zu gern vergessen würde.

Leseeindruck: Mir haben Tims Kapitel etwas besser gefallen als die mit Duncans Geschichte. Tim spricht auf den CD’s aus der Ich-Perspektive und so erfährt man seine ganz persönliche Sicht auf die Dinge. Schnell wird klar, dass Tim besonders ist. Er ist Albino und noch dazu ein Neuling, denn er ist erst im letzten Jahr nach Irving gekommen. Die Geschichte ist recht spannend, denn es wird vieles nicht ausgesprochen. Schließlich weiß Duncan ja welche Vorfälle Tim anspricht. Nur eben der Leser bleibt unwissend zurück. Seite für Seite habe ich gewartet, wann ich endlich erfahre, was nun im letzten Jahr an der Schule passiert ist. Ganz speziell kommt die Frage auf: Was ist mit Vanessa passiert und was hat Tim damit zu tun.
Der Weg zur Aufklärung ist gespickt mit vielen Überraschungen. Unterbrochen wird Tims Erzählung von Duncans Erlebnissen der Gegenwart. Dieser Wechsel bringt viel Spannung, auch wenn ich Duncans Schuljahr im Vergleich nicht ganz so interessant fand. Trotz vieler Unterschiede in den Erlebnissen haben sie eines gemeinsam. Beide Jungs entdecken die Liebe für sich. Die Gefühle kommen also nicht zu kurz. Nur gut, dass es an keiner Stelle zu kitschitg wird. So ist die Story wirklich unterhaltsam und abwechslungsreich.

Leider bleiben für mich am Ende noch einige Fragen offen. Ich kann zwar durchaus nachvollziehen weshalb sich die Autorin für diesen Weg entschieden hat, trotzdem wurde mein Leseeindruck etwas getrübt.

Lieblingsnebencharakter: Einen Englischlehrer wir Mr. Simon wird sich wohl der eine oder andere Leser wünschen. Er ist für seine Schüler auch abseits des Unterrichts da. Außerdem sorgt er mit seinem Tragödieaufsatz für den roten Faden der Geschichte.

Fazit: Etwas Romantik gepaart mit Spannung ergeben tolle Unterhaltung und das mit Sicherheit nicht nur für Jugendliche. Für die volle Punktzahl fehlen mir am Ende aber doch ein paar Antworten, daher gibts 4/5 Sterne.

Bewertung:
4 Stars

Bibliographische Angaben:
Titel: So wüst und schön sah ich noch keinen Tag.
Autorin: Elizabeth LaBan (Übersetzung: Birgitt Kollmann)
Verlag: Hanser
ISBN: 9783446250826
Ausgabe: Hardcover (16,90 €)
empfohlenes Lesealter: ab 13 Jahre

Rezension: „Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra“ von Robin Sloan

„Die Sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra“ (Bildquelle: Heyne

“ ‚Ich wusste nicht, dass Leute in deinem Alter noch Bücher kaufen‘, sagt Penumbra. Er hebt eine Augenbraue. ‚Mein Eindruck war, dass sie alles auf ihrem Handy lesen.'“ (S.85)

Inhalt: Clay sucht einen Job, der ihm Geld bringt. Anspruchsvoll ist er auch nicht, daher kommt ihm die Stelle als Verkäufer der Nachtschicht in Penumbras Buchhandlung gerade recht. Diese Buchhandlung ist wirklich sonderbar. Sie ist nicht nur rund um die Uhr geöffnet, es wird auch ein ungewöhnliches Sortiment gepflegt. Eigenartige Kunden kommen und leihen lediglich Bücher aus. Clay kommt das alles sehr komisch vor. Aus Neugier und einer Portion Langeweile entsteht bei ihm das Verlagen, dem Geheimnis der Buchhandlung auf den Grund zu kommen. Seine Freunde aus dem Silicon Valley Kat, Neel und Mat lassen sich von der Faszination der Buchhandlung anstecken und machen sich gemeinsam mit Clay auf die Suche nach Antworten.

Leseeindruck: Ja ja, mal wieder ein Buch über Bücher 🙂 Bei diesem Thema werde ich immer wieder schwach. Ich habe schon eine Menge solcher Bücher gelesen und doch ist „Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra“ in vielerlei Hinsicht neu für mich. Es steht nicht die bedingungslose Liebe zu Büchern im Mittelpunkt, sondern eine Gruppe von Leuten, die zu Penumbras Kunden zählt und die offensichtlich ein gemeinsames Geheimnis hüten. Genau wie Clay habe ich mir so meine Gedanken gemacht, worum es sich wohl handeln wird und alle paar Seiten hatte ich eine neue Idee, die ich umgehend für eine neue verworfen habe. Genau darin liegt für mich der Reiz des Buches. Sobald man glaubt, hinter das Geheimnis gekommen zu sein, wird ein neuer Fakt enthüllt und das Rätselraten geht von neuem los. Über einen fehlenden Spannungsbogen kann sich wirklich nicht beklagen. Die lockere Sprache trägt ebenso zum leichten Verständnis bei. Die Geschichte ist aus Clays Perspektive geschrieben, da er viel seinen verqueren Gedanken nachhängt, die sich auch oft um die Popkultur unserer Zeit drehen, bin ich sofort mit ihm warm geworden. Er mag Bücher und ist doch ein Kind seiner Zeit, also mit vielen technischen Dingen vertraut. Dieser Aspekt der Geschichte, bei dem neue technologische Möglichkeiten und das alte traditionelle gedruckte Buch miteinander verknüpft werden, hat mir besonders gefallen. (Vielleicht ist es ein Fingerzeig, dass beides nebeneinander existieren kann?). Ich muss aber auch zugeben, dass an der einen oder anderen Stelle sehr viel technische Details erläutert wurden, denen ich nicht immer ganz folgen konnte. Dafür fehlt mir persönlich einfach das Verständnis zu.
Leider gibt es für mich eine große Schwachstelle: Das Ende. Es tut mir wirklich leid, ich habe das Buch mit viel Freude bis zu den letzten Seiten gelesen, aber ich kann Clay nicht folgen. Weder ist mir klar, wie er zu seiner finalen Schlussfolgerung gelangt ist, noch was diese mir sagen soll. Ich bleibe ein wenig ratlos zurück. Nach all der Aufregung habe ich mir vielleicht einfach ein spektakuläres Ende vorgestellt. Ich nehme gern alle Schuld auf mich, was die Verständnisfrage angeht, aber leider hat das Ende massiv meinen Gesamteindruck gestört. (Ich nehme gern Erklärungen entgegen, vielleicht stehe ich auch nur auf dem Schlauch 🙂 )

Lieblingsnebencharakter: Die Charaktere haben mir alle gut gefallen. Sie sind witzig und sehr verschieden. Eine sehr bunte Truppe hat der Autor hier versammelt, es ist also für Abwechslung gesorgt. Ich denke, Neel macht das Rennen. Er hat so einige liebenswerte Macken und eine wirklich ungewöhnliche Geschäftsidee mit der er sein Geld verdient. Außerdem ist er stets an Clays Seite auch wenn der noch so eigenartige Vorschläge hat. (Überhaupt fällt mir auf, dass sich Clay glücklich schätzen kann so gute Freunde zu haben.)

Fazit: Bücher und moderne Technik schließen sich nicht aus. Ein wenig liest sich das Buch wie eine Detektivgeschichte mit einem Hauch von modernem Abenteuerroman. Ich habe Clay gern auf seiner Suche nach dem Geheimnis hinter Penumbras Buchhandlung begleitet, da ich leider auf den letzten Seiten den Anschluss verloren habe, muss ich Sterne abziehen. Für ein rundum gelungenes Lesevergnügen wurde ich mit dem Schluss zu sehr enttäuscht. Dafür wird man mit Clays Gedankengängen etwas entschädigt, der das Herz auf der Zunge trägt.

Bewertung:
4 Stars

Bibliographische Angaben:
Autor: Robin Sloan (Übersetzung: Ruth Keen)
Titel: Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra
Verlag: Heyne Verlag
ISBN: 9783453418455
Ausgabe: Taschenbuch (9,99€)

Rezension: „Was fehlt, wenn ich verschwunden bin“ von Lilly Lindner

„Was fehlt, wenn ich verschwunden bin“ von Lilly Lindner (Bildquelle: Fischer Verlage)

„[…] Hauptsache, ich kann bei dir sein. Weil wir doch Schwestern sind […]. Nicht auf Schritt und Tritt und auch nicht in jedem Moment im Leben. Aber wenn es darauf ankommt. Und wenn es hügelig wird. Oder kalt und dunkel.“ (S.84/85)

Inhalt: Phoebe und April sind nicht nur Schwestern, sie sind fast schon beste Freundinnen oder Seelenverwandte. April ist krank, sie hat Magersucht. Ihre kleine Schwester Phoebe versteht die Welt nicht mehr und macht sich auf die Dinge so ihren eigenen Reim. Alles hält sie in Briefen an April fest, denn ihre besondere Sprache ist für sie der einzige Weg ihre Gefühle und Gedanken jemandem mitzuteilen. Phoebe ist eine kleine Kämpferin, die nicht nur ihre Schwester unglaublich vermisst, sondern auch noch alleine mit ihren Eltern klarkommen muss, die nichts mit ihren vielen Worten anfangen können.

Leseeindruck: Die Worte, die April und Phoebe füreinander finden sind schon besonders. Gerade die kleine Phoebe kann unheimlich gut mit Worten umgehen und lässt so ihre Eltern auch recht oft sprachlos zurück. Aber ich muss schon sagen, dass ich mich erst auf diesen Erzählstil einlassen musste. Die Briefe von April sind einseitig, da Phoebe (aus verschiedenen Gründen) nicht antworten kann. Wir erleben das Schicksal der großen Schwester also auf Phoebes Sicht. Das hat schon manchmal eigenwillige Züge, denn die kleine ist aufgeweckt und wahnsinnig clever für ihre 10 Jahre. Mir fiel es an der einen oder anderen Stelle selbst schwer zu glauben, dass so ein kleines Ding so vernünftige Schlussfolgerungen ziehen kann. Und trotzdem ist der Stil durchaus glaubwürdig, denn Phoebe sieht alles mit ihren ehrlichen Kinderaugen, hinterfragt alles und jeden und nimmt dabei jeden (besonders ihre Schwester) so wie er ist. Außerdem ist ihr Stil geprägt durch eine Menge einfacher Hauptsätze, die meist auch eher kurz sind. Und doch packt sie so viel Bedeutung in ihre Sätze. Wirklich toll. Sprachlich muss man vor der Autorin den Hut ziehen. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich die Geschichte lange Zeit habe ruhen lassen (so ca. nach 100 Seiten), da mir zu wenig passiert ist. Ich hatte mir wahrscheinlich etwas anderes vom Buch erwartet. Vielleicht eine vom Schicksal gebeutetelte Familie wie in „Beim Leben meiner Schwester“ oder so etwas. Diese Familie ist aber zumindest bis zu einem gewissen Punkt selbst für alles verantwortlich. Diese oft auch unschöne Wahrheit hatte mir wohl nicht gefallen, weshalb ich das Buch bei Seite gelegt habe. Der zweite Anlauf hat mich allerdings eines besseren belehrt: Die Geschichte macht wirklich Spaß, denn in Phoebes Briefen gibt es so viel zu entdecken: Wortneuschöpfungen wie zum Beispiel der „Wörterverrater“ (S. 175) – aber findet ruhig selbst heraus, was das ist – kluge Erklärungen und so viel Liebe für die Schwester. Das restliche Buch habe ich in einem Rutsch durchgelesen.  Gemeinsam mit April und Phoebe habe ich eine Menge Höhen und Tiefen erlebt, außerdem erfährt man nach und nach mehr über die gemeinsame Vergangenheit und das Familienleben. Ich muss schon sagen, da bleibt ein Kopfschütteln nicht aus, so hilflos (aber auch verständnislos) wie Aprils Eltern der Krankheit ihrer Tochter gegenüber stehen. Eines hat mich aber doch gestört, auch wenn es nur eine Kleinigkeit sein mag. Die Geschichte spielt in Berlin und es tauchen so viele englische Vornamen auf. Ok, April und Phoebe, diese Namen werden für mich ganz plausibel erklärt, aber dann gibt es noch Jerry, Devon, Hazel, Betsy, River. Ich weiß, so etwas ist künstlerische Freiheit
aber aus irgendeinem Grund habe ich mich wirklich daran gestört, weil es für mich nicht ins Gesamtbild passen wollte.

Lieblingsnebencharakter: Jerry, der Vater von Phoebes Freundin Hazel. Er kann mit der Wortgewalt der beiden Schwestern umgehen und versucht beide aufzufangen und ihnen das Schicksal erträglicher zu machen. Er hat etwas sehr wertvolles getan, ohne viel Worte darüber zu verlieren.

Fazit: Ein sehr berührender Briefroman. Es hat mich zwar zwei Anläufe gebraucht ihn zu lesen, aber ich bin ja so froh, dass ich ihn nochmal zur Hand genommen habe. Sonst wäre mir wirklich etwas entgangen. Ich habe nach einiger Zeit auch aufgehört mir schöne Textstellen zu markieren, denn man kann das Buch auf einer beliebigen Seite aufschlagen und wird ein wunderschönes Zitat finden. Dieses Buch sollte man nicht nur einmal lesen, denn darin kann man jedes Mal etwas lehrreiches entdecken. Für mich ist es kein klassisches Jugendbuch. Wer mit der Verwendung von Sprache etwas anfangen kann, der wird die Briefe mit viel Vergnügen lesen. Ich vergebe 4/5 Punkten, da sich mir das Buch erst beim zweiten Mal offenbart hat. Würde ich nur meinen zweiten Anlauf bewerten, würde ich ohne zu zögern die volle Punktzahl vergeben. Also lest selbst 🙂

Bewertung:
4 Stars

Bibliographische Angaben
Titel: Was fehlt, wenn ich verschwunden bin
Autorin: Lilly Lindner
Verlag: Fischer Verlage
ISBN: 9783733500931
Ausgabe: Taschenbuch (9,99 €)

Rezension: „WARP – Der Quantenzauberer“ von Eoin Colfer

WARP – Der Quantenzauberer von Eoin Colfer (Bildquelle: Loewe)

„An dem Abend hatte Garrick entdeckt, dass das Auslöschen eines Lebens ihm beinahe genauso viel Freude bereitete wie der begeisterte Applaus des Publikums, und so hatte der Zauberer umgesattelt und war zum Auftragsmörder geworden.“ (S. 10)

Inhalt: Das FBI hat herausgefunden, wie Zeitreisen funktionieren und WARP – Witness Anonymous Relocation Programme – geschaffen. Die junge FBI-Agentin Chevie Savano soll nun in London eine eigenartige Maschine bewachen, der langweiligste Job der Welt, denn nichts passiert. Bis eines Tages der gemeingefährliche Ganove Garrick aus dem viktorianischen London erscheint, mitsamt seines Schützlings Riley. Eine spannende Jagd durch Raum und Zeit beginnt, denn Garrick muss das Handwerk gelegt werden – egal in welcher Zeit

Leseeindruck: Ich liebe Zeitreisegeschichten, daher hatte ich viel Spaß beim Lesen. Die Story ist von Beginn an sehr temporeich. Ein aufregendes Ereignis reiht sich ans nächste. Genauso wie Chevie ist auch der Leser anfangs recht ahnungslos, denn die viele verschiedenen Handlungsstränge fügen sich erst nach und nach zu einem vollständigen Bild zusammen. Ich muss schon sagen, dass ich an einigen Stellen reichlich verwirrt war, denn die Motivation der vielen verschiedenen Charaktere ändert sich recht oft, daher muss man sich immer wieder neu sortieren, um herauszufinden wer nun zu den Guten oder Bösen gehört. Aber genau das macht die Geschichte so interessant. Nichts ist sicher in dieser Welt. Der Ort und auch die Zeit der Handlung wechselt immer wieder zwischen der Gegenwart und dem London im Jahr 1898 und trotzdem geschehen die Dinge irgendwie parallel. Typisch Zeitreiselogik eben 🙂 Überhaupt wurden die beiden Zeitebenen und Orte toll miteinander verwoben.
Manchmal hat es mich doch verwundert, wie deutlich Gewaltszenen beschrieben wurden. (Das empfohlene Lesealter von 14 Jahren sollte daher wirklich eingehalten werden.) Die Grausamkeit Garricks kann man sehr deutlich nachempfinden, vor ihm würde ich auch fliehen. Es ist aber bei weitem kein düsterer Roman. Witz und Humor nehmen einen großen Stellenwert ein. Chevie hat bei mir mit ihrer großen Klappe gepunktet und der kleine Riley nimmt sein Zeitreiseabenteuer mit erstaunlicher Übersicht. Er ist clever und verliert nie das große Ganze aus den Augen. Seine kindliche Neugier auf die Welt fördert so manches Schmunzeln zu Tage. („Googeln? Das klingt nach einer ziemlich schmerzhaften Prozedur.“ S.339). Die Episode mit Tibor Charismo, dem Alleskönner aus dem viktorianischen London war wirklich einfallsreich. So viele amüsante Bezüge zu unserer Zeit, da hat das Lesen besonders viel Spaß gemacht. Es hat mir gefallen, dass nicht die Zeitreise selbst im Mittelpunkt steht, sondern sie nur den Rahmen für einen abenteuerlichen Fall liefert. Der Fokus liegt auf der komplexen Handlung und nicht auf den Eigenheiten die Zeitreisen so mitsichbringen. Das klassische Thema: „verändern wir die Zukunft, wenn wir die Vergangenheit ändern“ wird nicht weiter beleuchtet, aber es muss ja auch noch Stoff für den zweiten und dritten Teil übrig bleiben. In jedem Fall sind die Erklärungen zum Zeitreiseverfahren durch die Wurmlöcher für mich schlüssig gewesen, daher habe ich nichts zu meckern und konnte die Geschichte genießen.

Lieblingsnebencharakter: Felix Smart, Chevies Mentor, war mir gleich sympathisch, besonders als ich herausgefunden habe welche Verbindung er zu WARP hat. Ausserdem steckt viel Wärme in ihm. Es hat mich wirklich schockiert, was mit ihm passiert ist, daher bin ich froh, dass er auf eine ganz spezielle Weise mit den Figuren in Verbindung steht. (Puh, war das schwer auszudrücken, ohne zu spoilern 🙂 )

Fazit: Ein gelungener Fantasyroman für Jugendliche und alle anderen, die Zeitreisen und/oder Steampunk mögen. Die Geschichte ist spannend, temporeich und humorvoll. Der Band ist der Auftakt zu einer Reihe und trotzdem lässt er den Leser am Schluss nicht im Regen stehen. Man wird neugierig wie es mit den Figuren weitergeht, aber die Hauptfragen der Handlung werden geklärt. Ich vergebe 4 tolle Sterne für ein Buch, das mich super unterhalten hat, bei dem man aber immer wachsam sein muss, da so unheimlich viele Figuren mit unterschiedlichen Motiven auftauchen.

Bewertung:
4 Stars

Bibliographische Angaben:
Titel: WARP – Der Quantenzauberer (Band 1 – WARP)
Autor: Eoin Colfer (Übersetzung: Claudia Feldmann)
Verlag: Loewe
ISBN: 9873785579091
Meine Ausgabe: Hardcover (16,95€)
Empfohlenes Lesealter: ab 14 Jahre

Ich bin übrigens auf das Buch aufmerksam geworden, da Eoin Colfer 2015 auf der Leipziger Buchmesse zu Gast war. Er war unter anderem Gast der Loewe-Thriller-Nacht. Wer wissen will, wie mir die Lesung gefallen hat, der schaut am besten den Blogbeitrag dazu an.

Rezension: „Mein Herz und andere schwarze Löcher“ von Jasmine Warga

„Mein Herz und andere schwarze Löcher“ von Jasmine Warga (Bildquelle: Fischer Verlage)

„Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen und sehe ihn an. Er lächelt mir vorsichtig zu, und in dem Moment bin ich mir ziemlich sicher, dass ich meinen Selbstmordpartner gefunden habe.“ (S. 72)

Inhalt: Aysel ist ein unglücklicher Teenager, der von Depressionen geplagt wird. Sie will nicht mehr leben und sucht im Internet nach einem Selbstmordpartner. In Roman wird sie fündig, denn auch er sieht nach einem tragischen Vorfall in seiner Familie keinen anderen Ausweg mehr. Also beginnt der Weg der beiden 26 Tage vor ihrem geplanten Ende. Wohin wird der Weg führen, in den Tod oder zurück ins Leben?

Leseeindruck: Die Geschichte wird aus Aysels Sicht erzählt. Schnell merkt man, dass sie eine gebrochene Seele hat. Nur das „Warum?“ bleibt lange unklar. Man kann nur erahnen, woher ihre Depressionen kommen. Allerdings bekommt man einen intensiven Einblick in ihre Gefühlswelt. Es hat mich zum Teil schon sehr stark mitgenommen, wie schlecht es Aysel geht. Sie ist ein so cleveres Mädel, die es verdient hat zu lachen und ihr Leben zu genießen. In Roman findet sie einen wahren Gefährten. Die Szenen in denen die beiden etwas gemeinsam unternehmen haben mir am besten gefallen, denn die Chemie stimmt einfach und das merkt man als Leser sofort.
Für die Sprache und den Erzählstil gibt es einen Pluspunkt von mir, denn es ist schon sehr besonders wie Aysel alles (ob Tod oder Liebe) mit physikalischen Vorgängen vergleicht. Ich selbst kann nicht so viel mit Physik anfangen, habe Aysels Ausführungen aber immer gern gelauscht und auf diese Weise sehr schnell einen Zugang zu Aysel gefunden.

Eine Sache gibt es aber doch, die mich etwas gestört hat beim Lesen: Die Gespräche zwischen Aysel und Roman sind zwar sehr intensiv und schön zu verfolgen, jedoch kamen bei mir immer wieder Zweifel, ob zwei Teenager wirklich solche Gespräche führen würden. Ich fühlte mich ein wenig an die Dialoge in Dawson’s Creek erinnert, die ich auch schon immer etwas befremdlich fand. Deshalb ein Punkt Abzug. Ich bin mir sicher die Story würde auch mit ein wenig älteren Charakteren funktionieren, zu denen die Gespräche dann besser passen würden.

Lieblingsnebencharakter: Romans Mutter hat mir gut gefallen. Sie versucht immer das Richtige zu tun, um Roman zu beschützen ohne ihn zu erdrücken. Sie wird einzig und allein von ihrer Liebe zu ihm getrieben.

Fazit: Eine tiefgründige Geschichte über den Sinn des Lebens, Schuld und Liebe. Das Buch regt definitiv zum Nachdenken an und ist nicht nur mal für zwischendurch. Das Thema Depression wird in eine aufwühlende Story verpackt und wartet mit einem überraschenden Ende auf. Das gelungene Romandeüt bekommt von mir 4/5 Sterne.

Bewertung:
4 Stars

Bibliographische Angaben:
Titel: „Mein Herz und andere schwarze Löcher“
Autorin: Jasmine Warga (Übersetzung: Adelheid Zöfel)
Verlag: Fischer Verlage (Sauerländer)
ISBN: 9783737351416
Ausgabe: Hardcover (16,99 €)

Rezension: „Die große weite Welt der Mimi Balu“ von Kati Naumann

„Die große weite Welt der Mimi Balu“ von Kati Naumann (Bildquelle: Knaur)

„Im Leben eines jeden Menschen gibt es einen unwiderbringlichen Moment, in dem er seine Bedeutung ändern kann, wenn er nur das Richtige tut.“ (S. 19)

Inhalt: Mimi Balu, Ende 30 liebt ihr Londoner Künstlerleben. Alles könnte wunderbar sein, wenn sie nur endlich den Durchbruch schaffen würde und damit ihrer wahren Berufung nachgehen könnte. Nichts wünscht sie sich mehr, daher ordnet sie diesem Traum alles unter. Sie blickt unerschütterlich nach vorn und nur selten zurück, auf ihre Vergangenheit in der sächsischen Kleinstadt Limbach-Oberfrohna. Ein familiärer Notfall bringt Mimi dazu, wieder mehr Zeit in ihrer Heimatstadt zu verbringen. Aber was wird dann aus ihrem Traum?

Leseeindruck: Ein Roman, der in London und der sächsischen Provinz spielt. Wann bekommt man das schon mal geboten? Der Kontrast zwischen der Weltstadt London und der Kleinstadt bietet eine tolle Kulisse für die Handlung. Ich hatte unheimlich viel Spaß Mimis Londoner Leben mitzuverfolgen. Sie streift viel durch die Stadt, so hat man fast den Eindruck, man mache gerade selbst einen Stadtrundgang 🙂 Mimi blüht förmlich auf in der großen weiten Welt. Sie ist ein liebenswert chaotischer Mensch, der auf sein Herz hört. Sie ist ein Freigeist, der wunderbar nach London passt, aber nicht nach Limbach-Oberfrohna. Dort fühlt sie sich nicht mehr zu Hause und auch ihre Familie kann nur wenig mit ihrem künstlerischen Talent anfangen. In vielen Fällen hätte ich gern den Vermittler zwischen Mimi und ihrer Familie gespielt, denn ihnen fehlte so oft das Verständnis füreinander. Aber genau von diesen Gegensätzen lebt der Roman. Dabei wird die Welt nicht immer nur schwarz/weiß betrachtet. Auch London hat seine Schattenseiten und in der Kleinstadt ist nicht alles schlecht. Mir hat diese differenzierte Sicht auf die Dinge sehr gut gefallen. Allerdings ziehe ich an dieser Stelle auch einen klitzekleinen Punkt ab, denn für mich war zu schnell klar, in welche Richtung sich Mimis Leben wenden wird.

Ein stilistisches Mittel ist bei mir sehr gut angekommen: Vor jedem Kapitel steht ein kurzer Vergleich beider Städte und ihrer Einwohner. An dieser Stelle habe ich mich immer auf einen amüsanten Moment gefreut. Überhaupt ist das Buch an vielen Stellen mit einem Augenzwinkern geschrieben. Es ist lustig, aber niemals albern. Es wird auch niemand lächerlich gemacht. Egal, ob man nun die Großstadt oder die Provinz lieber mag, niemand sollte sich auf den Schlips getreten fühlen.

Lieblingsnebencharakter: Vom ersten Moment an mochte ich Oma Trude. Sie steht bedingungslos hinter ihrer Enkelin, auch wenn sie nicht immer versteht, was die eigentlich genau macht. Die Szenen mit ihr, egal ob in London oder in Limbach-Oberfrohna waren immer ein Highlight. Sie ist eine kauzige alte Dame, die genau weiß, was sie will. Und außerdem schlummert in ihr auch eine Künstlerseele 🙂

Fazit: Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Ich mag London sehr gern, und komme selbst aus der sächsischen Provinz. Die Mischung war also genau meins. Man merkt, dass die Autorin gut recherchiert hat. (Oder eben eine gute Beobachtungsgabe hat, denn sie hat ja lange selbst in London gelebt). Die einzelnen Orte sind detailiert beschrieben und man kann sich gut vorstellen, was Mimi gerade selbst erlebt oder sieht. (In der Szene am Altenburger Flughafen hatte ich förmlich das Gefühl, ich befinde mich selbst wieder am Check-In 🙂 )
Eine Geschichte mit liebenswerten Charakteren und einer tollen Botschaft: Bleibe dir treu, denn nichts was du einmal gemacht hast, wird umsonst sein. Ein Buch für jeden Londonfan oder solche, die es noch werden wollen 🙂 Ich vergebe tolle 4 Punktzahl, da ich das Buch in einem Rutsch gelesen habe und großartig unterhalten wurde.

Bewertung:
4 Stars

Bibliographische Angaben:
Titel: Die große weite Welt der Mimi Balu
Autorin: Kati Naumann
Verlag: Knaur
ISBN: 9783426516812
Ausgabe: Taschenbuch (8,99€)

Rezension: „Abgründig“ von Arno Strobel

„Abgründig“ von Arno Strobel (Bildquelle: Loewe)

„Sollte der sich doch auf ihn stürzen oder ihn schlagen. Es war Tim egal, er hatte keine Angst. Da war nur diese riesige Wut.“ (S.209)

Inhalt: Es sollte doch nur eine harmlose Bergtour werden für die Jugendlichen des Bergcamps. Doch nicht nur ein aufziehendes Unwetter bedeutet nichts Gutes, auch Konflikte untereinander und mysteriöse Blutflecken vor dem Nachtlager sorgen für eine Menge Spannung.

Leseeindruck: „Abgründig“ ist das erste Jugendbuch von Arno Strobel und auch überhaupt mein erstes Buch des Autors. Besonders durch den spannenden Prolog kommt man sofort in die Geschichte rein. Die Gruppe um Tim, Sebastian, Ralf und die Mädels bietet in ihrer Konstellation sehr viel Abwechslung. Alle Kids sind sehr unterschiedlich und gehen auch mit der Situation im Camp und am Berg anders um. Allerdings bleiben sie auch recht stereotyp. Schnell erkennt man, wer der Nette, der Clevere, die Tussi oder Angeber ist. Die Art die Charaktere zu zeichnen ist sicher auch dem Alter der Leser geschultet, schließlich ist „Abgründig“ ein Jugendbuch für Leser ab 14 Jahren. Daher finde ich es auch in Ordnung, denn so findet man sich als Leser schnell in der Gruppe zurecht und kann seinen persönlichen Liebling aussuchen.

Die Story an sich ist auch recht spannend, ich hatte lange keine richtige Ahnung in welche Richtung sich die Handlung entwickeln wird und was wirklich passiert ist. Trotzdem ging mir die Handlung an einigen Stellen zu schleppend voran. Eine Disskussion hier, eine Versöhnung dort und doch wurde weiter debattiert. Da hätte ich mir mehr Abwechslung gewünscht. Besonders da die Auflösung dann sehr schnell ging. Für meine Begriffe hätte ich mir auch ein andere Erklärung für die Blutflecken gewünscht. Aber immerhin war die Auflösung überraschend für mich und das ist ja die Hauptsache 🙂

Lieblingsnebencharakter: Es ist nicht so leicht zu beantworten, wer mein Liebling war. Nach reiflicher Überlegung würde ich mich für Denis. Er bringt immer wieder frischen Wind in die Runde mit seinen Kommentaren. Außerdem gefällt mir, dass man erst nach einer ganzen Zeit, den wahren Charakter erkennt. Auch ich habe mich zu Beginn sehr getäuscht, denn Denis legt eine beachtliche Entwicklung hin.

Fazit: Das Jugenbuchdebüt von Arno Strobel hat mir insgesamt gut gefallen. Da es ein Jungendbuch ist, finde ich es gut, dass es keine Gewaltszenen gibt und doch ist es eine spannende Geschichte. Ich kann das Buch jedem (Jugendlichen) empfehlen, der eine Abenteuergeschichte lesen will, bei der die Charaktere mit ihren Problemen im Mittelpunkt stehen und keine Gewalttat. Ich hätte mir aber doch an der einen oder anderen Stelle mehr Tempo gewünscht, da die Story im Mittelteil ein wenig zu sehr vor sich hin plätschert. Dafür ziehe ich einen Stern ab. Insgesamt gibt es gute 4 Sterne!

Bewertung:
4 Stars

Bibliographische Angaben:
Titel: „Abgründig“
Autor: Arno Strobel
Verlag: Loewe
ISBN: 9783785578643
Ausgabe: Paperback (9,95€)
Lesealter: 14 Jahre

Rezension: „Finstermoos – Aller Frevel Anfang“ von Janet Clark

„Finstermoos – Aller Frevel Anfang“ von Janet Clark (Bildquelle: Loewe)

„Sie waren Touristen an einem Ort, der von Touristen lebte. Und trotzdem waren sie nicht erwünscht. […] Etwas hier stimmte nicht und wenn wo etwas nicht stimmte, sollte man sich verdrücken, so lange man die Gelegenheit dazu hatte. Eine einfache Formel.“ (S.108/109)

Inhalt: Man nehme ein Dorf, in dem jeder jeden kennt, stellt es sich in einer idyllischen Bergwelt vor und streut noch eine Prise Misstrauen zwischen die Familien: Fertig ist Finstermoos.
Noch dazu wird in eine Babyleiche entdeckt, die ein altes Geheimnis wieder zu Tage fördert. In dem Chaos versucht die Clique um Basti, Luzie und Valentin herauszufinden, was ihre Väter verschweigen und warum die Ankunft von Mascha und ihrer Mutter für so viel Wirbel sorgt, denn schließlich sind Touristen nichts neues in Finstermoos.

Leseeindruck: Ich bin durch das eshort „Im Bann der Vergessenen“ auf die Reihe aufmerksam geworden. Schon dieser kurze Text, der sich um Basti und Luzie dreht war sehr spannend. Ich wollte unbedingt wissen, welches Geheimnis in Finstermoos herumschwirrt. „Aller Frevel Anfangt“ steht dem in nichts nach. Die Geschichte ist von der ersten bis zur letzten Seite spannend und das in vielerlei Hinsicht. Zum einen ist es die Beziehungskonstellation in der Clique, die für Wirbel sorgt. Daneben sind sich die Familien, oder besser gesagt die Väter der Jugendlichen nicht grün und als wäre das nicht schon genug, taucht in der Baugrube von Valentins Vater auch noch eine Babyleiche auf.
Weitere Spannung entsteht durch die Erzählstruktur. Die Kapitel wechseln zwischen den Ereignissen im Juli, um den Fund der Babyleiche und einer bedrohlichen Situation, in der sich Basti und Valentin im August wieder finden. Beim jedem Umblättern habe ich auf eine Antwort darauf gehofft, wie die Jungs nur da hinein geraten sind. Eines ist sicher: Die Väter von Basti und Luzie wissen etwas. Ich würde nur gerne wissen, was es ist. Zwischenzeitlich fühlte ich mich in eine moderne Romeo-und-Julia-Geschichte versetzt, die in einer Bergdoktoridylle spielt. Dies soll gar nicht abwertend sein, aber es hat mein Lesetempo doch arg beschleunigt, um herauszufinden was hinter der heilen Fassade steckt.

Lieblingsnebencharakter: Ich weiß nicht, ob ich sie überhaupt im klassischen Sinn mag, aber Brigitta, eine der Dorfbewohnerin, ist besonders. Sobald sie ins Spiel kommt, passieren seltsame Dinge und auch einiges in ihrer Vergangenheit liegt noch im Dunkeln. Sie ist auf jede Fall sehr interessant.

Fazit: Es hat unheimlich Spaß gemacht, dieses Buch zu lesen. Die Story ist spannend und überhaupt nicht vorhersehbar. Man glaubt zwar immer zu wissen, wer Dreck am Stecken hat, bis etwas passiert, das doch nicht in dieses Bild passt. Da der Verlag das Lesealter mit 12 angibt, ist es gut, dass auf Gewalt verzichtet wird und die Spannung im Vordergrund steht. Einen Stern Abzug gibt es dennoch, da man am Ende des ersten Bandes kaum Erkenntnisse gewonnen hat, die einem dem Geheimnis von Finstermoos näher bringen. So bleibe ich mit vielen Fragezeichen zurück und muss mich bis zum zweiten Band gedulden, der im März erscheint.
Mit 4 Sternen, kann ich das Buch jedem empfehlen, der spannende Geschichte mag. Man sollte eben nur wissen, dass man sich mit „Finstermoos“ auf eine Reihe einlässt. (Die mit vier Bänden überschaubar ist 🙂 )

Bewertung:
4 Stars

Bibliographische Angaben:
Titel: Finstermoos – Aller Frevel Anfang
Autorin: Janet Clark
Verlag: Loewe
ISBN: 9783785577486
Ausgabe: Paperback (9,99€)
Lesealter: ab 12

Wer noch mehr zur Reihe „Finstermoos“ erfahren will, findet hier meinen Blogeintrag zur Reihe oder schaut auf der Homepage zum Buch vorbei.

Abschließend geht mein Dank an den Loewe Verlag für die Bereitstellung des Leseexemplares.