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Rezension: „Blätterrauschen“ von Holly-Jane Rahlens

„Blätterrauschen“ von Holly-Jane Rahlens (Bildquelle: Rowohlt)

„‚Blätterrauschen‘ ist ein fesselnder Sci-Fi-Fantasy-Abenteuerroman für Jung und Alt. Er erzählt die spannende und anrührende Geschichte von drei einsamen Kindern die zusammen mit einem geheimnisvollen Jungen aus der Zukunft in eine gefährliche Zeitschleife geraten.“ (S.278)

Inhalt: Oliver, Rosa und Iris kennen sich aus dem Leseclub der Buchhandlung Blätterrauschen. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein und haben abseits des Leseclubs keine Gemeinsamkeiten. Als eines Tages ein fremder und recht eigenartiger Junge namens Colin im Buchladen auftaucht, beginnt für die Kinder das (Zeitreise-)Abenteuer ihres Lebens.

Leseeindruck: Schon nach wenigen Seiten war ich in der Geschichte drin. Rosa, Iris und Oliver sind drei clevere Kids, die mir gleich sympathisch waren. Sie bilden eine Art Zweckgemeinschaft, denn richtige Freunde sind sie bisher nicht. Dazu sind sie viel zu verschieden, glauben sie. Oliver ist nicht ganz freiwillig im Leseclub, Iris ist ein kleines Genie in Naturwissenschaften und Rosa, so glaubt man, ist mit ihrer hochnäsigen Art ständig auf Streit aus. Mir gefällt besonders die Entwicklung, welche die Kinder durchmachen. Das gemeinsame Abenteuer zeigt den Kids, dass sie sich aufeinander verlassen müssen, denn sie haben keinen Schimmer, wem sie sonst trauen können. Die Werte der Freundschaft (Respekt, Ehrlichkeit und Vertrauen) haben einen großen Stellenwert in der Geschichte, diese Botschaft gefällt mir gut.
Insgesamt schreitet die Handlung sehr zügig voran, den Kids wie auch dem Leser bleibt nur wenig Zeit zum durchatmen. Die einzelnen Kapitel Enden mit einer schönen Regelmäßigkeit mit Cliffhangern, so dass man nicht aufhören will zu lesen. Immer noch ein Kapitel und dann noch eins 🙂
„Blätterrauschen“ ist eines dieser Bücher, über das ich auch nach der letzten Seite noch eine Menge nachgedacht habe. Klar, bei Zeitreiseromanen denkt man ständig alle möglichen „Hätte-Wäre-Wenn-Varianten“ durch, auch bei diesem Buch war das so. Es werden einem im Buch auch eine Menge Erklärungen zu den Methoden der Zeitreise gegeben, die doch manchmal recht komplex waren, aber trotzdem altersgerecht. Schließlich ist „Blätterrauschen“ ja eigentlich ein Kinderbuch. Die Zukunft, mit der die Kinder konfrontiert werden, ist alles andere als nur positiv und trotzdem hat es eine Menge Spaß gemacht, die neue Welt mit den Kids zu erkunden. Mein absolutes Highlight aber ist der Schluss. Leider kann ich euch überhaupt nichts dazu sagen, ohne zu spoilern, nur soviel: Bis zum letzten Satz bleibt man gespannt, wie die Kinder ihr Abenteuer überstehen.

Lieblingsnebencharakter: Wie vielleicht bekannt ist, spielt „Blätterrauschen“ im selben Universum wie „Everlasting“. („Everlasting“ spielt im Jahr 2264, nachdem die Menschen die Katastrophe des „Dark Winter“ überstanden haben) Es ist aber keine Fortsetzung im klassischen Sinn. Allerdings tauchen in „Blätterrauschen“ einige Charaktere auf, die bereits aus „Everlasting“ bekannt sind. All diese bekannten Gesichter wähle ich zu meinen Lieblingsnebencharakteren. Ich möchte hier nicht genau sagen, wer es alles ist, das sollt ihr selbst herausfinden. Ich habe mich aber unheimlich über jedes Wiedersehen gefreut. Ich hoffe doch sehr, dass die Autorin genauso viel Spaß an dem Wiedersehen hatte und „Blätterrauschen“ nicht das letzte Buch aus dem „Everlasting-Universum“ sein wird.

Fazit: „Blätterrauschen“ ist eine rasante Geschichte, die den Leser zurück ins „Everlasting-Universum“ bringt. Auch Leser, die „Everlasting“ nicht kennen, werden Gefallen an der Geschichte finden, solange sie Zeitreisen und Abenteuergeschichten mögen. Es ist eine Geschichte für Jung und Alt, keineswegs eine klassische Kindergeschichte. Allerdings sollten Kinder, die die Geschichte allein lesen schon etwas geübter sein, da die Zeitreisetheorien doch manchmal recht komplex sind. Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung, da die Geschichte auch zum Nachdenken über die eigene Gegenwart anregt. Die volle Punktzahl vergebe ich gern.

Bewertung:
5 Stars

Bibliographische Angaben:
Titel: „Blätterrauschen“
Autorin: Holly-Jane Rahlens (Übersetzung: Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)
Verlag: Rowohlt
ISBN: 9783499216862
Ausgabe: Hardcover (14,99 €)
Lesealter: ab 10 Jahre

Rezension: „Die Verratenen“ von Ursula Poznanski

„Die Verratenen“ von Ursula Poznanski (Bildquelle: Loewe)

„Es ist noch schlimmer als gestern befürchtet: Wohin wir uns auch wenden, wem wir begegnen, was wir tun. Jeder ist ein Feind.“ (S.256)

Inhalt: Eleria, kurz Ria, glaubt die Welt zu kennen, in der sie lebt. Es gibt Sphären, in denen das Leben gut organisiert und sicher ist, daneben gibt es noch ein Leben außerhalb der Sphären, in der man täglich ums Überleben kämpfen muss, denn es ist kalt, es gibt kaum etwas zu essen, man muss mit dem auskommen, was nach der „Langen Nacht“ noch von der zivilisierten Welt übrig geblieben ist. Ria lebt, wie ihre Kommilitonen in einer Sphäre, bis ihr und einigen anderen etwas Ungeheurliches vorgeworfen wird, das sie dazu zwingt, um ihr Überleben zu kämpfen.

Leseeindruck: Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen, so spannend fand ich die Geschichte von Beginn an. Die Welt, die Ursula Poznanski geschaffen hat, ist sehr reizvoll. An jeder Ecke wartet neues Konfliktpotential. Sphären gegen Außenwelt, Clan gegen Clan und auch innerhalb Rias Studentenclique geht jeder anders mit der Situation um. Aber es ist keine klassische „Gut-gegen-Böse“-Geschichte, denn wer weiß schon, wer gut oder böse ist? Genau das macht den Reiz der Geschichte aus. Auch als Leser muss man sich erst einmal ein Bild davon machen, wer (vielleicht) auf welcher Seite steht. Ich kann jetzt sagen, dass ich sehr oft vom Verlauf der Handlung überrascht wurde.
Erzählt wird alles aus Rias Sicht, auch deshalb ist sie mein Sympathieträger in der Geschichte. Ich hätte jedenfalls zu keiner Zeit in ihrer Haut stecken wollen. Wer stellt schon gern fest, dass man wirklich niemandem in seinem Umfeld trauen kann? Generell finde ich die Figuren sehr verschieden, was wiederum für eine Menge Abwechslung sorgt. Jeder der Studenten hat eine Art Fachgebiet und somit ganz spezielle Kenntnisse. Es war interessant mit anzusehen, wie sie versuchen diese Eigenschaften  in der neuen Umgebung für sich zu nutzen. Ich habe sie jedenfalls alle in mein Herz geschlossen, genauso wie die Außenbewohner, die nun wirklich kein einfaches Leben haben. Hach, ich würde zu gern mehr schreiben, denn es gibt so viel sagen, zu diesem Buch, aber ich will nicht zu viel verraten, lest lieber selbst.

Lieblingsnebencharakter: Ich mochte Fiore, eine der Außenbewohnerin, sehr gern. Ich hoffe doch, dass sie in den nächsten Bänden wieder auftaucht, denn sie sticht mit ihrer Art definitiv aus der Menge der anderen Clanmitglieder hervor.

Fazit: Ein tolles Buch. Ich kann es kaum erwarten, den nächsten Band „Die Verschworenen“ zu lesen. Die Story überrascht immer wieder mit tollen Wendungen. Noch dazu sind die Charaktere sehr verschieden und sorgen für eine Menge Abwechslung. Wer Dystopien mag, der wird auch „Die Verratenen“ mögen. Wie ich finde, hat die Trilogie absolutes Suchtpotential.

Bewertung:
5 Stars

Bibliographische Angaben
Titel: „Die Verratenen“ (Eleria-Trilogie, Band 1)
Autor: Ursula Poznanski
Verlag: Loewe
ISBN: 9783785579206
Ausgabe: Taschenbuch (9,95€)
Lesealter: ab 14 Jahre

Rezension: „Das Beste, das mir nie passiert ist“ von Laura Tait und Jimmy Rice

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„Das Beste, das mir nie passiert ist“ von Laura Tait & Jimmy Rice (Bildquelle: DuMont)

„Ja, damals wäre ich nackt durch die Innenstadt von Mothston gerannt, um mit ihr zusammen zu sein, und das war wohl jedem klar. Aber Holly sah uns nie als Paar […] und mir wurde seither oft das Herz gebrochen, auch wenn es nie so weh tat wie einzusehen, dass aus Holly und mir nichts wird.“ (S. 53/54)

Inhalt: Alex und Holly kennen sich seit ihrer gemeinsamen Schulzeit in der englischen Kleinstadt Mothston. Sie sind beste Freunde, immer für einander da, bis sich ihre Wege trennen, als Holly nach London geht. Elf Jahre später sehen sie sich wieder, alles ist wie immer auch die Tatsache, dass sie nicht über ihre Gefühle füreinander reden. Noch dazu ist Holly vergeben.

Leseeindruck: Diese wunderschön leichte Liebesgeschichte hat mir viele humorvolle Stunden beschert. Die Sprache ist locker und leicht, so kommt man gut voran. Die Sichtweise wechselt immer zwischen Alex und Holly. Teilweise werden also die selben Ereignisse aus den verschiedenen Blickwinkeln von Alex und Holly erzählt. Dabei war es fast schon tragisch zu sehen, wie knapp die beiden so oft aneinander vorbei geliebt haben. Beide sind mir von Beginn an sehr sympathisch, daher habe ich sofort auf ein Happy End gehofft. Potentielle neue Partner der beiden hatten es daher denkbar schwer bei mir 🙂 Sehr viel Spaß hatte ich an den unzähligen Anmerkungen zur Zeitgeschichte und Popkultur. Wer selbst mit Take That, den Spice Girls oder Kylie Minogue aufgewachsen ist, wird sich ein Schmunzeln an der einen oder anderen Stelle nicht verkneifen können. Ich finde es außergewöhnlich, dass zwei Autoren gemeinsam ein Buch schreiben können, ohne, dass es in Sprache und Stil zu Brüchen kommt. Jimmy Rice schrieb die Alexstory und Laura Tait, die von Holly. Hollys Kapitel sind zwar ein wenig emotionaler und impulsiver, aber das liegt auch daran, dass Holly eher ein Gefühlsmensch ist und Alex der rationale Denker. Und dennoch stimmt die Chemie zwischen Alex und Holly, egal wie verschieden sie doch sind.

Lieblingsnebencharakter: Zu Beginn wollte ich Jemma, Hollys chaotischer Arbeitskollegin, den Titel geben, da sie ein so erfrischender Charakter ist. Im Laufe der Geschichte zeichnete sich immer mehr ab, dass Kev, Alex Jugendkumpel, die Auszeichnung mehr verdient hat. Kev ist zunächst ein liebenswerter Trottel, der sich immer mehr zu einem wahren Freund mausert und vor allem das Herz am richtigen Fleck hat. (Außerdem musste ich bei Kev immer an den trotteligen Mitbewohner der Hugh-Grant-Figur in Notting Hill denken 😉 )

Fazit: „Das Beste, das mir nie passiert ist“ ist ein wunderschönes Buch für Herz. (Bei dem Cover übrigens auch fürs Auge) Klar, es ist eine seichte Geschichte, bei der schnell klar ist, wer für wen bestimmt ist, aber das Buch versprüht einen ganz eigenen Charme und Witz. Es ist rundum gelungen und verschafft einem viele vergnügliche Lesestunden. Für jeden Briget-Jones-Fan und alle anderen, die eine humorvolle Liebesgeschichte lesen wollen. Es gibt die volle Punktzahl, da ich das Buch rundum zufrieden zugeschlagen habe.

Bewertung:
5 Stars

Bibliographische Angaben
Titel: „Das Beste, das mit nie passiert ist“
Autor: Laura Tait / Jimmy Rice (Übersetzung von Marion Herbert)
Verlag: DuMont
ISBN: 9783832162801
Ausgabe: Taschenbuch (9,99€)

Rezension: „Der Tannenbaum“ von Susanna Tamaro

„Der Tannenbaum“ von Susanna Tamaro (Bildquelle: btb)

„Krick hatte keine Ahnung, was ein Wunder war, doch wenn es die Rettung bedeutete, wollte er alles tun, um es zu bewirken.“ (S. 72)

Inhalt: „Der Tannenbaum“ erzählt die Lebengeschichte einer großen edlen Tanne. Es beginnt damit, dass sie als kleiner Samen den Weg auf die Lichtung des Waldes findet und nach vielen Jahren auf dem Petersplatz als Weihnachtsbaum landet. Dabei wird sie von dem Eichhörnchen Krick begleitet, der seinen Winterschlaf beenden muss, um ein Wunder zu bewirken.

Leseeindruck: Diese 127 Seiten haben mich wirklich gut unterhalten. Eine zauberhafte Geschichte über Freundschaft, die wie ein Märchen daher kommt. Auch die Sprache erinnert an die eines Märchens. Der Leser erlebt, wie der Baum größer und größer wird und sich die Welt um ihn herum verändert. Mit den Jahren lernt der Baum auch die Eigenarten der Menschen immer besser kennen, über die er sich so seine Gedanken macht. Menschen sind schon recht eigenartig, stellt er fest. Es hat Spaß gemacht die Welt mal aus der Sicht eines Baumes zu erleben, der ein friedliches Leben auf einer Waldlichtung führt und dessen größtes Ärgernis bisher die launischen Birken waren, wären da nicht auch die Menschen mit ihren Äxten und Feuer.
Schließlich sind es die Menschen, die dafür verantwortlich sind, dass es die Tanne, samt Krick auf den Petersplatz verschlägt. Das arme kleine Eichhörnchen merkt schnell, dass dies kein guter Platz für die beiden ist. Er versucht alles, um sich und seinen Freund, aus dieser misslichen Lage zu befreien. Die Erkenntnis, dass er dafür ein Wunder braucht und wie er das bewerkstelligen will, haben mein Herz berührt. Krick muss all seinen Mut zusammen nehmen und zum mächtigsten Mann der Welt. Dieses Buch kann man in einem Rutsch lesen. Danach ist es mir eine ganze Weile nicht aus dem Kopf gegangen, da ich mir so meine Gedanken über Kricks Abenteuer gemacht habe. Man bekommt kurzweilige Unterhaltung geboten, die aber auch eine Botschaft vermittelt, eine tolle Mischung.

Lieblingsnebencharakter(e): Die Bäume des Waldes mochte ich wirklich alle sehr gern, denn sie haben die Menschen schnell durchschaut. Im Gegensatz zur Hektik, die von den Menschen ausgeht, strahlen sie Ruhe und Würde aus. Davon sollten sich einige Menschen mal etwas abschauen.

Fazit: Vor drei Jahren habe ich dieses Buch entdeckt und seitdem habe ich es jedes Weihnachten einmal gelesen. Es ist so hintersinnig und hält den Menschen mal den Spiegel vor. Gerade in der turbulenten Weihnachtszeit sollte man ruhig mal einen Schritt langsamer machen und sich besinnen, was wirklich wichtig ist: Freundschaft. Auch die Ausstattung meiner Ausgabe lässt mein Bücherherz höher schlagen. Eine Taschenbuch-Leinenausgabe, die auch noch mit einem kleinen grünen Lesebändchen versehen ist. Rudum eine liebevolle Geschichte fürs Herz, die genau richtig für die Weihnachtszeit ist.

Bewertung:
5 Stars

Bibliographische Angaben:
Titel: Der Tannenbaum – Das Märchen einer Freundschaft (Il grande albero)
Autorin: Susanna Tamaro (Übersetzung: Maja Pflug)
Verlag: btb
ISBN: 9783442743575
Ausgabe: Taschenbuch Leinen (6,99€)

Rezension: „84, Charing Cross Road“ von Helene Hanff

„84, Charing Cross Road“ von Helene Hanff (Bildrechte: Atlantik)

„Kümmern Sie sich niemals darum, ob ich etwas bereits aufgetrieben haben könnte. Ich sehe mich nirgendwo anders mehr um.“ (S.28)

Inhalt: So viel gibt es zum Inhalt gar nicht zu sagen. Die Autorin Helene Hanff liebt Essays, Briefe und Biografien. In ihrer Heimat New York ist sie mit dem Angebot der Antiquariate unzufrieden. So schreibt sie dem Londoner Antiquariat Marks & Co. Aus ihrer Anfrage entwickelt sich zwischen Helene und dem Antiquar eine Brieffreundschaft, die über die reine Liebe zu Büchern hinaus geht.

Leseeindruck: Das Buch ist eine Sammlung von Briefen, von denen einige fehlen und dennoch habe ich den Briefwechsel zwischen Helene und ihrem Buchhändler Frank innerhalb von zwei Stunden verschlungen. Die Briefe versprühen Charme, Witz und spiegeln den Zeitgeist der Jahre 1949 bis 1969 wieder. Über 20 Jahre hat sich viel im Leben von Helene und Frank getan. Obwohl es sich ursprünglich um Geschäftskorrespondenz handelt, fließen nach und nach immer mehr private Dinge mit ein. Ganz besonders außergewöhnlich fand ich die Bereitschaft von Helene ihrem geschätzten Buchhändler-Team Dinge nach England zu schicken, die man in den 50ern dort nur schwer bekommen konnte (vom Schinken bis zu Strümpfen). Helene hat eine besondere Beziehung zu Büchern und weiß immer genau was sie will. Ich hatte viel Spaß ihren Ausführungen zum (gedruckten) Buch zu folgen. Auch wenn ihre Gedanken teilweise schon vor über 50 Jahren verfasst wurden, liegt sie damit doch oft auch heute noch richtig. „In der Tat, wenn ihre Bücher kosteten was sie wert sind, könnte ich sie mir nicht leisten!“ (S. 82) Manchmal hat sie recht eigene Ansichten, die mich zum Schmunzeln gebracht haben. „Es widerstrebt meinen Prinzipien ein Buch zu kaufen, das ich nicht gelesen habe.“ (S. 72)

Lieblingsnebencharakter: So viele Charaktere tauchen neben Helene und Frank nicht auf, daher war die Auswahl begrenzt. Nora, Franks Frau hat mir gefallen, da sie eine ganz eigene Beziehung zu Helene entwickelt, ganz unabhängig von allen Büchern.

Fazit: Jeder, der Bücher und/oder Buchhandlungen liebt, sollte dieses Buch lesen. Es hat Charme und ist authentisch, vielleicht bekommt man danach auch selbst mal wieder Lust einen Brief zu schreiben. Passend zur tollen Geschichte ist übrigens die liebevoll gestaltete Ausgabe aus dem Atlantik Verlag. Dieses Buch ist übrigens „Schuld“ daran, dass ich auf Atlantik aufmerksam geworden bin und dieser nun zu meinen Lieblingen innerhalb der Verlagslandschaft gehört. (Hier geht es zur Verlagsvorstellung) Einen riesen Dank an Hoffmann und Campe, die das Buch 2001 für die deutschen Leser aus dem Dornröschenschlaf geweckt haben. Eine einzigartige Geschichte, die auf jeden Fall die volle Punktzahl verdient.

Bewertung:
5 Stars

Bibliograpische Angaben:
Titel: „84, Charing Cross Road“
Autorin: Helene Hanff (Übersetzung: Rainer Moritz)
Verlag: Atlantik
ISBN: 9783455600056
Ausgabe: Hardcover (14,99€)

Rezension: „Darm mit Charme“ von Giulia Enders

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Darm mit Charme von Giulia Enders (Bildquelle: Ullstein)

„Der Darm aber, so glauben die meisten, geht währenddessen höchstens mal aufs Klo. […] Besondere Fähigkeiten kennt man von ihm eigentlich keine. Man könnte sagen, wir unterschätzen das ein wenig.“ (S. 19)

Inhalt: In diesem Buch erfährt der Leser alles, was man rund um den Darm wissen sollte. Warum ist er so wichtig, welche Funktionen hat er und welchen Einfluss hat er auf unser Leben.

Leseeindruck: Dieses Buch ist pure Unterhaltung und das bei einem Thema, worüber sonst nur selten gesprochen wird. Das Geheimnis liegt aber vielleicht genau darin, dass endlich mal jemand dieses Thema aufgreift. Noch dazu auf eine sehr charmante Art und Weise. Nicht zuletzt durch die gelungenen Illustrationen. Ich habe eine Menge über die Funktion des Darms gelernt und weiß jetzt, dass er viel mehr macht, als nur zu verdauen. Er kommuniziert auch fleißig mit unserem Hirn und macht, dass wir zufrieden oder auch weniger zufrieden sind.
Die erste Hälfte (Kapitel 1 und 2) des Buches war für mich einen Tick unterhaltsamer als der Rest. Ab Kapitel 3 geht es um die Mikroben, die in uns Leben. Mir fiel es etwas schwerer diesem Thema zu folgen, obwohl auch hier alles sehr anschaulich erklärt wird. Bei den ersten beiden Kapiteln musste ich einfach das eine oder andere Mal mehr schmunzeln. Es geht um den Weg, den unser Essen vom Mund bis hin zum stillen Örtchen nimmt. Ich habe mich in so vielen Situationen wiedererkannt und dachte: Ah, das passiert also, wenn mein Magen knurrt.
Das Buch lebt besonders von der direkten Sprache der Autorin. Nie wird man mit Fachbegriffen überschüttet und doch bekommt man wissenschaftliche Themen vermittelt. Man lernt viele interessante Dinge über Ernährung, Verdauung und Körperfunktionen über die man sich noch nie viel Gedanken gemacht hat, die aber durchaus wichtig sind.

Lieblingsnebencharakter: Es ist nicht so leicht, in einem Sachbuch einen Lieblingsnebencharakter zu finden. Ich werde es aber mal versuchen. Ok, der Darm ist die Hauptfigur, wer kommt denn dann als Nebencharakter in Frage? Der Mund? Die Speiseröhre? Der Blinddarm? Die Darmzotten? Ich hab’s: Der innere und äußere Schließmuskel haben die Auszeichnung verdient, denn schließlich sorgen die beiden dafür, dass man gezielt aufs Klo gehen kann und seinen Haufen eben nicht in die Straßenbahn macht 🙂 Die Kommunikation zwischen beiden war wirklich lustig zu lesen.

Fazit: Giulia Enders gibt den vielen kleinen und großen Dingen in unserem Darm eine Stimme und eines werde ich mir merken. Unser Darm will immer nur unser Bestes und daher sollte ich ihm dankbar sein, für alles was er für mich tut und auch auf ihn hören. Ein Zitat noch zum Schluss, das ich euch nicht vorenthalten wollte: „Der ruhige Buchleser ist in Sachen Verdauung erfolgreicher als ein angespannter Topmanager.“ (S.50) Na wer sagst denn, Lesen ist auch noch gesund. Für diese Erkenntnis und den tollen Gesamteindruck gibt’s die volle Punktzahl.

Bewertung:
5 Stars

Bibliographische Angaben:
Titel: Darm mit Charme – Alles über ein unterschätztes Organ
Autorin: Giulia Enders (Illustationen von Jill Enders)
Verlag: Ullstein
ISBN: 9783550080418
Ausgabe: Paperback (16,99€)

Rezension: „Die Seiten der Welt“ von Kai Meyer

„Die Seiten der Welt“ von Kai Meyer (Bildrechte: Fischer Verlage)

„Bibliomanten, die Büchern nicht mit Respekt begegneten, verloren ihre Fähigkeiten. Ließ ihre Liebe zur Literatur nach, schwand auch ihre Kraft.“ (S. 26)

Inhalt: Furia lebt in einer Welt, in der es Bibliomanten gibt. Diese Menschen können mit Hilfe von Büchern und der Liebe zu Ihnen Magie anwenden. Zum Beispiel eine Menge Energie freisetzten, oder durch Bücher von einem Ort zu einem anderen springen. Aber wie sollte es anders sein, Magie kann natürlich nicht nur Gutes sondern auch Böses bewirken. Daher versteckt sich Furia gemeinsam mit ihrem Bruder Pip und ihrem Vater auf der Familienresidenz in England vor der Adamistischen Akademie. Die Akademie kontrolliert die Bibliomanten und die Welt in der sie leben. Vor langer Zeit wurde Furias Familie aus dem engeren Kreis der einflussreichen Bibliomanten ausgeschlossen, doch die Geschichte holt alle ein. Dabei gerät Pip in Lebensgefahr und Furia begibt sich allein auf einen Feldzug gegen seine Entführer. Sie lernt Rebellen und Exlibri in den Ghettos kennen, die bereit sind alles zu tun, um die Akademie aufzuhalten.

Leseeindruck: Dies ist für mich das erste Buch von Kai Meyer. Eine gelungene Geschichte wie ich finde. Die Welt – unsere Gegenwart – in der Furia lebt, gefällt mir wirklich gut. Es gibt Refugien, die parallel zu unserer Welt existieren und von Bibliomanten geschaffen wurden. Eine Welt voller fantasischer Dinge, einem Baum an dem Lesezeichen wachsen oder Schnabelbücher. Eines dieser Refugien ist Libropolis, quasi das bibliomantische Gegenstück zu London. Dorthin gelangt man als „Normalo“ nur, wenn man ein Lesezeichen der Stadt hat. Ich mag diese vielen Einzelheiten, mit denen Kai Meyer die Welt ausgeschmückt hat. Besonders, da es der Verlag auch versteht, diese Dinge in unsere Welt zu transportieren. So lag meinem Buch ein Libropolis-Lesezeichen bei. (Wenn ich mal in London bin, wirds ausprobiert 🙂 )
In Libropolis gibt es übrigens auch eine Menge Buchläden und Antiquariate, die einen verkaufen nur Bücher eines ganz bestimmten Autors, die anderen nur Bücher mit 444 Seiten 🙂
„Bei allen Unterschieden galt in jedem Laden das eine eherne Gesetz von Libropolis: Wir versenden nichts, die Leser müssen zu uns kommen! Bücher müssen eigenhändig ausgewählt, bezahlt und fortgetragen werden, und wem das nicht gefiel, der hatte hier nichts verloren.“ (S.175) Ich finde diese Maxime übrigens ganz hervorragend, da könnte ich mich auch in unserer Welt dran gewöhnen… Ein wenig hat mich der Zauber der Refugien an „Die Stadt der Träumenden Bücher“ erinnert, auch ein grandioses Buch, wie ich finde.
Die Geschichte selbst geht ziemlich rasant los und verliert auch nicht an Tempo, für meinen Geschmack war es manchmal ein wenig zu schnell, aber schließlich ist Pip in Gefahr, also darf Furia auch keine Zeit verlieren. Kai Meyer geht auch nicht gerade zimperlich mit seinen Figuren um, an der einen oder anderen Stelle musste ich in mich gehen und dachte mir, ist das gerade wirklich passiert? Ja, es war wirklich passiert. Die Figuren erleben sehr grausame Dinge. Gewalt scheint für alle an der Tagesordnung zu stehen und Furia muss sich auch ohne Furcht gegen ihre Verfolger stellen, damit sie Pip befreien kann. Dafür, dass Furia erst 15 ist, steckt sie ihre Erlebnisse erstaunlich gut weg. Nur gut, dass sie von ihrem Vater schon eine Menge gelernt hat, auch wenn es immer noch nicht genung war, was er ihr erzählt hat.
Die Handlung ist auch sehr komplex. Zwischendurch musste ich immer mal überlegen, wer welche Ziele verfolgt und auf wessen Seite der eine oder andere steht. Am Ende konnte dem Ganzen zwar folgen, es ist aber eine ganze Menge Stoff, der zwischen zwei Buchdeckel gepackt wurde.
Jeder Leser muss auch selbst entscheiden, wie der das Ende findet, ich will nichts weiter dazu sagen, denn sonst müsste ich spoilern. Ich finde es recht radikal und hätte auf das eine oder andere Ereignis gerne noch eine Antwort. Trotzdem konnte ich das Buch zufrieden zuklappen, denn ich durfte eine fantastische Welt kennenlernen.

Lieblingsnebencharakter: Dieses Mal muss ich den „Preis“ an zwei Figuren geben, denn sie gehören untrennbar zusammen. Sie sind einfach mutig, loyal, gewitzt und gute Freunde. Furias Leselampe und Lesesessel 🙂 Die  beiden sind sozusagen beseelt. Es gibt einige Kapitel im Buch, die aus der Sicht der beiden verfasst sind, diese waren mein Highlight, davon hätte es ruhig noch mehr geben können. Hier eine kleine Kostprobe: „Wir sind die Richtigen für diese Aufgabe“, hatte die Lampe verkündet und natürlich nur sich selbst gemeint. Doch eine einzelne Leselampe auf dem Flur hätte Misstrauen erweckt, während Lampe und Sessel gemeinsam als komfortable Leseecke durchgehen mochten.“ (S. 128)
Wenn die zwei mal ein neues zu Hause brauchen – Ich nehme sie bei mir auf. Bis zum Schluss war ich neugierig wie die beiden ihre ganz eigenen Abenteuer überstehen. Sie sind echt was besonderes.

Fazit: Ich mag das Buch wirklich gern, da es die Liebe zu Büchern zum Inhalt hat. Ich hätte auch gern eine riesige Bibliothek wie Furia und würde wahnsinnig gern in Libropolis flanieren. Allerdings könnte ich auf die dunkeln Ecken der Refugien, auf die Milliz und die Akademnie verzichten. Es ist ein temporeicher Roman, der wirklich erst was für 14+ ist, wie der Verlag auch angibt, denn an jeder Ecke lauert Gewalt und Tod. Einen kleinen, halben, Minuspunkt gibts für die verworrene Handlung, da musste ich meine Gedanken ganz schön zusammen nehmen, dass ich den Faden nicht verliere. Wettgemacht wird das kleine Manko von der tollen Ausstattung des Buch mit den geprägten, goldenen Buchstaben auf dem Einband, dem eingelegten Lesezeichen und auch der Liebe zum Detail, mit welcher der Verlag das Buch in die Welt hinaus entlassen hat. Schaut am besten Mal auf die Website des Buches. Daher gibt es von mir die volle Punktzahl für ein tolles Leseerlebnis für alle, die Bücher lieben.

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„Libropolis“-Lesezeichen

Bewertung:
5 Stars

Bibliographische Angaben:
Titel: Die Seiten der Welt
Autor: Kai Meyer
Alter: ab 14
ISBN: 9783841421654
Ausgabe: Hardcover (19,99 €)
Verlag: Fischer Jugendbuch (FJB)

Übrigens startet Antonie von „Die fabelhafte Welt der Bücher“ am 01.10.2014 die Challenge „Ein Jahr mit Kai Meyer“. Für mich ist das eine super Gelegenheit mehr Bücher des Autors kennenzulernen, schließlich ist „Die Seiten der Welt“ das erste Buch, das ich von ihm lese. Ich bin in jedem Fall schon gespannt, auf die anderen Werke. Mal schauen, was ich in einem Jahr so schaffe. Alles kann, nichts muss 😉

Rezension: „Erebos“ von Ursula Poznanski

„Erebos“ von Ursula Poznanski (Bildrechte: Loewe)

„Ein Spiel, das man nicht kaufen kann. Ein Spiel, das mit dir spricht. Ein Spiel, das dich beobachtet, dich belohnt, dir droht, dir Aufgaben erteilt.“ (S. 193)

Inhalt: Der Inhalt ist schnell erzählt. An einer Londoner Schule geht unter den Schülern ein Computerspiel um, das anders ist, als alles was bisher auf dem Markt war. Jeder, der das Spiel nutzt, verändert sich auf erschreckende Art und Weise. Ist es möglich, dass das Spiel daran Schuld ist? Nick, der auch von dem Spiel begeistert ist, bekommt es mit der Angst zu tun, als er für das Spiel Dinge tun soll, die sich nicht mehr nur im virtuellen Raum abspielen, sondern real sind.

Leseeindruck: Ich bin immer noch hin und weg, denn auch mich hat Erebos gepackt. Am meisten hat mir der Wechsel zwischen  Nicks Realität und seinem Alter-Ego Sarius im Rollenspiel „Erebos“ gefallen. Die Abenteuer von Sarius allein haben schon eine Menge Potential. Wie schlägt er sich im Kampf gegen Trolle und andere Kreaturen? Wie übersteht er den Kampf mit anderen Spielern? Und wie wirken sich seine virtuellen Abenteuer auf sein wahres Leben aus? Beide Welten sind auf eigenartige Weise miteinander verknüpft. Ich selbst habe noch nie ein Computer-Rollenspiel gespielt, konnte aber trotzdem gut nachvollziehen, dass dieses Spiel ganz besonders ist und eine einzigartige Wirkung auf seine Spieler hat. Ich könnte mir vorstellen, dass ich auch zu denen gehören würde, die die Nächte durchgespielen 🙂 Sicherlich wären auch mir Skrupel beim Lösen der Aufgaben gekommen, denn die haben es wirklich in sich. Die Figuren gehen alle ein bisschen anders mit „Erebos“ um, dabei findet sicher jeder Leser jemanden, mit dem er sich identifizieren kann.
Nick ist von Beginn an ein Sympathieträger. Ein durchschnittlicher Schüler, der gut mit seiner Familie auskommt und für ein ganz bestimmtes Mädchen schwärmt. Schön, dass die Liebelei zwischen Emily und Nick nicht im Mittelpunkt der Handlung steht, sondern die Freundschaften zwischen den Mitschülern. Die Botschaft, wenn es hart auf hart kommt, sind Freunde füreinander da, vermittelt das Buch sehr schön.

Die Geschichte ist sehr komplex und am Ende hat wirklich alles, was die Spieler erlebt haben, einen Sinn für die Geschichte. Jede Aktion greift wie ein Zahnrad in die Andere, damit die Maschinerie von „Erebos“ läuft. Die Auflösung zum Schluss war auch schlüssig für mich. Klar ist der Plan, der mit „Erebos“ verfolgt wird, mehr als verrückt und drastisch. Manchmal habe ich mich auch gefragt, warum keiner der Spieler eher das ganze hinterfragt hat. Der tolle Spannungsbogen hat mich jedoch überzeugt und mir wahre Freude bereitet.

Lieblingsnebencharakter: Zu Beginn dachte ich noch, dass mich keiner der vielen Nebencharaktere mit dem besonderen Etwas überzeugen kann. Keiner war in meinen Augen besser als der andere, doch dann kam Viktor. Ich wusste sofort: Der wirds werden. Er ist einfach so kauzig, ein richtiges Unikat. Ohne ihn wären Nick und Emily nie hinter die Geschichte von Erebos gekommen. Und bei allem Ernst dahinter, versprüht Viktor Charme und Witz. Außerdem ist er leidenschaftlicher Teetrinker, da hat er bei mir gleich einen Stein im Brett 🙂

Fazit: Dies war mein erstes Buch von Ursula Poznanski und ich bin begeistert. Ich habe nichts zu meckern. Eine spannende und einzigartige Geschichte. Eine tolle Mischung aus Krimi, Thriller und Fantasy und das alles noch im Jugendbuchgewand und dennoch etwas für jung und alt. Wirklich toll. Das gibt eine klare Leseempfehlung von mir.

Bewertung:
5 Stars

Bibliographische Angaben:
Titel: Erebos
Autorin: Ursula Poznanski
ISBN: 9783785573617
Ausgabe: Taschenbuch (9,95 €)
Verlag: Loewe
Alter: ab 12

Rezension: „Als wir unsterblich waren“ von Charlotte Roth

Cover

Als wir unsterblich waren, Charlotte Roth (Bildquelle: Knaur TB)

„Hier geht es nicht um banale Liebesgeschichten. […] Es geht um die Lage in unserem Land, und die betrifft uns alle, egal, ob wir neunzehn oder neunzig sind.“ (S.14)

Inhalt: Berlin 1989: Alexandra lebt allein mit ihrer Oma in Berlin als sich die Grenze öffnet und Alexandras Leben eine ganz neue Richtung gibt. Sie trifft Oliver, es ist Liebe auf den ersten Blick, aber für ihre Oma gerät dadurch ihr ganzes Leben aus den Fugen – nicht zum ersten Mal. Es entspinnt sich eine Geschichte, die mit Paula im Berlin von 1912 beginnt.

Leseeindruck: Eines vorab, ich bin kein Fan von Wende-Geschichten. Diese hier ist aber anders. Es geht vielmehr um die turbulente Geschichte einer Stadt, die sich zwischen 1912 und 1989 abgespielt hat. Politische Kämpfe, Parteigründungen, Krieg aber auch Liebe prägen das Leben von Paula und ihren Freunden. Ich habe sie alle sehr gern auf ihrem Weg begleitet. Manni, Clemens und Harry als drei Freunde, die so schnell nichts trennen kann, die aber unterschiedlicher nicht sein können. Die junge Paula, die vor Energie und Lebensfreude nur so sprüht, aber nicht immer auf der Sonnenseite des Lebens steht. Der kleine Joachim, Johanna, Ilse, Klara, Kutte, Ruben oder Rieke sie alle füllen die Seiten mit Charme und echtem Leben. Man kann gut nachempfinden, wie das Leben zu Beginn des letzten Jahrhunderts in der Hauptstadt gewesen sein muss. Eine Geschichte aus der Sicht des einfachen Volkes, die ihre Träume erfüllen wollen, aber mit der großen Katastrophe ihrer Zeit zurecht kommen müssen. Das Buch lebt von seinen Typen und der bildhaften Sprache, die einen in eine andere Zeit katapultieren.
Besonders gefallen hat mir der Erzählstil. Grundsätzlich wird die Geschichte chronologisch erzählt, beginnend mit 1912. Es gibt jedoch einige Einschübe aus dem Jahr 1989, bis es wieder gekonnt in Paulas Jugend weiter geht. Dadurch werden Alexandras und Paulas Geschichte miteinander verbunden. Nach und nach erkennt der Leser welche Verbindungen die beiden haben und auch das letzte Familiengeheimnis wird gelüftet.

Lieblingsnebencharakter: Das ist diesmal nicht so einfach, denn es gibt keinen, den ich nicht mag. (Außer natürlich den Mann, der sich hinter der Abkürzung GS verbirgt). Mein Bauch hat letztendlich entschieden und sagt: Joachim. Er war 1912 noch ein Kind und wir haben miterlebt wie er älter wurde und immer ein glühender Anhänger seiner Hertha (BSC) geblieben ist. Bei ihm ging mir immer das Herz auf und ich habe wegen ihm auch ein Tränchen verdrückt.

Fazit: Ein rundum tolles Buch. Herzschmerz, Liebe, Freundschaft, Politik, Krieg und Verlust all das finden wir in dem Buch wieder, ohne dass es in Kitsch mündet. Die politischen Ereignisse sind gut recherchiert und bieten einen angemessenen Rahmen für die Handlung. Für alle, die eine turbulente Biographie einer Frau lesen wollen, die mehr über den Geist von Berlin lernen wollen, einen historischen Roman über die Arbeiterbewegung rund um SPD und KPD kennenlernen wollen und nicht zuletzt an einer Geschichte rund um Freundschaft und Familie interessiert sind.
Ich war nie gelangweilt oder konnte die Handlung vorher sehen, daher die volle Punktzahl.

Bewertung:
5 Stars

Bibliographische Angaben:
Titel: Als wir unsterblich waren
Autor: Charlotte Roth
ISBN: 9783426512067
Ausgabe: Taschenbuch (9,99 €)
Verlag: Knaur TB

 

Rezension: „28 Tage lang“ von David Safier

„28 Tage lang“ von David Safier (Bildquelle: Rowohlt)

„‚Die zweitschärfste Waffe des Tyrannen ist die Lüge‘, freute sich der Tyrann. ‚Und die schärfste?‘, fragte Hannah. ‚Die Angst'“ (S. 389)

Inhalt: Das Warschauer Ghetto 1943: Das Naziregime verbreitet Angst und Schrecken während die Bevölkerung mit Hunger und Entbehrungen zu kämpfen hat. Unter ihnen, die 16jährige Mira, die versucht mit Schmuggelware ihre Schwester und Mutter durch die schwere Zeit zu bringen. Bis zu dem Tag, als das Ghetto komplett geräumt werden soll und sie sich die Fragen stellt, „Was für ein Mensch willst du sein?“

Leseeindruck: Ich habe mich beim Lesen oft gefragt: Wieviel kann ein Mensch denn überhaupt aushalten? Denn Mira, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, muss unwahrscheinlich viel aushalten. Verzicht, Hunger, Angst, Willkür und Gewalt gehören für sie und alle anderen Ghettobewohner zum Alltag (kann man bei so einem Leben überhaupt von Alltag sprechen?) Und dennoch gibt es auch Momente des Glücks, der Freundschauft und Schwärmerein. Ein wenig Marmelade reicht schon, um Mira für einen Moment all ihre Sorgen vergessen zu lassen. Es ist eben nichts selbstverständlich in der Welt des Ghettos.
Mira erlebt so viele seelische und körperliche Grausamkeiten, dass man gar keine Zeit hat, alles auf sich wirken zu lassen. Eine unfassbare Situation folgt auf die nächste. Zeit für Sentimentalitäten bleibt da nicht, selbst Trauer um gute Freunde muss hinten anstehen.
Letztendlich bin ich froh, dass die Dreiecksbeziehung zwischen  Daniel, Mira und Amos nicht das Hauptthema geworden ist. Es zeigt aber, dass zwischenmenschliche Beziehungen der wichtigste Antrieb für den Überlebenswillen sind. Im Mittelpunkt dagegen stehen der jüdische Widerstand und dessen Kämpfer.
Die einzelnen Szenen werden emotional beschrieben, sodass die Atmosphäre des Ghettoalltags greifbar wird. Authenzität entsteht auch durch eine ganze Reihe verschiedener Charaktere, die Miras Weg kreuzen: religiöse Familien, stolze Waisenkinder, Kollabotrateure, mutige Kämpfer. All diese Menschen leben im Ghetto und haben daher zurecht ihren Platz in der Geschichte.

Lieblingsnebencharakter: Ben Rothaar. Er und Mira haben die gleichen Beweggründe sich dem Widerstand im Ghetto anzuschließen. Seine Entschlossenheit für den Kampf macht ihn zu etwas besonderem. Es war auch schön anzusehen, wie sich Miras Einstellung zu ihm ändert. Und ganz wichtig: Er durfte ein Teil von Hannahs Fantasiewelt der „777 Inseln“ sein.

Fazit: Dies ist wirklich ein ganz besonderes Buch. Für jeden, der etwas über das Warschauer Ghetto und den Widerstand erfahren will.  Mich hat das Buch generell dazu animiert, noch mehr über das Leben im Warschauer Ghetto zu erfahren. Es ist eine sehr gut recherchierte Geschichte, genau die richtige Mischung aus Fakten und Fiktion. Eine Geschichte, die zum Nachdenken anregt, denn sehr oft habe ich mir selbst die Frage gestellt: Was würde ich in dieser Situation machen und Was für ein Mensch will ich sein? Die Frage hat mich auch noch beschäftigt, nachdem ich das Buch schon lange zugeschlagen hatte. Dieses Buch ist ab sofort definitiv eines meiner Lieblingsbücher.

Bewertung:
5 Stars

Bibliographische Angaben:
Titel: 28 Tage lang
Autor: David Safier
Verlag: Kindler (Rowohlt)
ISBN: 9783463406404
Ausgabe: Hardcover (16,95€)