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Rezension: „Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra“ von Robin Sloan

„Die Sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra“ (Bildquelle: Heyne

“ ‚Ich wusste nicht, dass Leute in deinem Alter noch Bücher kaufen‘, sagt Penumbra. Er hebt eine Augenbraue. ‚Mein Eindruck war, dass sie alles auf ihrem Handy lesen.'“ (S.85)

Inhalt: Clay sucht einen Job, der ihm Geld bringt. Anspruchsvoll ist er auch nicht, daher kommt ihm die Stelle als Verkäufer der Nachtschicht in Penumbras Buchhandlung gerade recht. Diese Buchhandlung ist wirklich sonderbar. Sie ist nicht nur rund um die Uhr geöffnet, es wird auch ein ungewöhnliches Sortiment gepflegt. Eigenartige Kunden kommen und leihen lediglich Bücher aus. Clay kommt das alles sehr komisch vor. Aus Neugier und einer Portion Langeweile entsteht bei ihm das Verlagen, dem Geheimnis der Buchhandlung auf den Grund zu kommen. Seine Freunde aus dem Silicon Valley Kat, Neel und Mat lassen sich von der Faszination der Buchhandlung anstecken und machen sich gemeinsam mit Clay auf die Suche nach Antworten.

Leseeindruck: Ja ja, mal wieder ein Buch über Bücher 🙂 Bei diesem Thema werde ich immer wieder schwach. Ich habe schon eine Menge solcher Bücher gelesen und doch ist „Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra“ in vielerlei Hinsicht neu für mich. Es steht nicht die bedingungslose Liebe zu Büchern im Mittelpunkt, sondern eine Gruppe von Leuten, die zu Penumbras Kunden zählt und die offensichtlich ein gemeinsames Geheimnis hüten. Genau wie Clay habe ich mir so meine Gedanken gemacht, worum es sich wohl handeln wird und alle paar Seiten hatte ich eine neue Idee, die ich umgehend für eine neue verworfen habe. Genau darin liegt für mich der Reiz des Buches. Sobald man glaubt, hinter das Geheimnis gekommen zu sein, wird ein neuer Fakt enthüllt und das Rätselraten geht von neuem los. Über einen fehlenden Spannungsbogen kann sich wirklich nicht beklagen. Die lockere Sprache trägt ebenso zum leichten Verständnis bei. Die Geschichte ist aus Clays Perspektive geschrieben, da er viel seinen verqueren Gedanken nachhängt, die sich auch oft um die Popkultur unserer Zeit drehen, bin ich sofort mit ihm warm geworden. Er mag Bücher und ist doch ein Kind seiner Zeit, also mit vielen technischen Dingen vertraut. Dieser Aspekt der Geschichte, bei dem neue technologische Möglichkeiten und das alte traditionelle gedruckte Buch miteinander verknüpft werden, hat mir besonders gefallen. (Vielleicht ist es ein Fingerzeig, dass beides nebeneinander existieren kann?). Ich muss aber auch zugeben, dass an der einen oder anderen Stelle sehr viel technische Details erläutert wurden, denen ich nicht immer ganz folgen konnte. Dafür fehlt mir persönlich einfach das Verständnis zu.
Leider gibt es für mich eine große Schwachstelle: Das Ende. Es tut mir wirklich leid, ich habe das Buch mit viel Freude bis zu den letzten Seiten gelesen, aber ich kann Clay nicht folgen. Weder ist mir klar, wie er zu seiner finalen Schlussfolgerung gelangt ist, noch was diese mir sagen soll. Ich bleibe ein wenig ratlos zurück. Nach all der Aufregung habe ich mir vielleicht einfach ein spektakuläres Ende vorgestellt. Ich nehme gern alle Schuld auf mich, was die Verständnisfrage angeht, aber leider hat das Ende massiv meinen Gesamteindruck gestört. (Ich nehme gern Erklärungen entgegen, vielleicht stehe ich auch nur auf dem Schlauch 🙂 )

Lieblingsnebencharakter: Die Charaktere haben mir alle gut gefallen. Sie sind witzig und sehr verschieden. Eine sehr bunte Truppe hat der Autor hier versammelt, es ist also für Abwechslung gesorgt. Ich denke, Neel macht das Rennen. Er hat so einige liebenswerte Macken und eine wirklich ungewöhnliche Geschäftsidee mit der er sein Geld verdient. Außerdem ist er stets an Clays Seite auch wenn der noch so eigenartige Vorschläge hat. (Überhaupt fällt mir auf, dass sich Clay glücklich schätzen kann so gute Freunde zu haben.)

Fazit: Bücher und moderne Technik schließen sich nicht aus. Ein wenig liest sich das Buch wie eine Detektivgeschichte mit einem Hauch von modernem Abenteuerroman. Ich habe Clay gern auf seiner Suche nach dem Geheimnis hinter Penumbras Buchhandlung begleitet, da ich leider auf den letzten Seiten den Anschluss verloren habe, muss ich Sterne abziehen. Für ein rundum gelungenes Lesevergnügen wurde ich mit dem Schluss zu sehr enttäuscht. Dafür wird man mit Clays Gedankengängen etwas entschädigt, der das Herz auf der Zunge trägt.

Bewertung:
4 Stars

Bibliographische Angaben:
Autor: Robin Sloan (Übersetzung: Ruth Keen)
Titel: Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra
Verlag: Heyne Verlag
ISBN: 9783453418455
Ausgabe: Taschenbuch (9,99€)

Rezension: „Die Gestirne“ von Eleanor Catton

Cover

„Die Gestirne“ von Eleanor Catton (Bildquelle: btb Verlag)

„Jede Speiche des großen Glücksrads war samstags sichtbar – Männer stiegen auf, kamen ganz oben an, rutschten ab, landeten wieder ganz unten, und am Abend begoss jeder Goldsucher entweder seinen Kummer oder seine Freude.“ (S. 132)

Inhalt: Ein Jadesucher, ein Bankier ein Zeitungsherausgeber, ein Hotelier, ein Goldfeldmagnat, ein Goldschmied, ein Handelsagent, ein Apotheker, ein Spediteur, ein Gerichtsschreiber, ein Goldgräber und ein Geistlicher treffen sich zu einer geheimen Versammlung, um sich über ungelöste Verbrechen in der Goldgräberstadt Hokitika in Neuseeland auszutauschen. Zu diesen 12 Männern stößt ein Neuankömmling, der auch etwas zu berichten hat und neue Erkenntnisse beitragen kann. Ein komplexes Netz aus Beobachtungen wird die Täter überführen, oder?

Leseeindruck: Als ich die Rahmendaten der Geschichte gelesen habe: 1866, Neuseeland im Goldrausch, wollte ich unbedingt mehr über diese Geschichte wissen. Noch dazu, als ich gesehen habe, dass Eleanor Catton den Booker Prize für „Die Gestirne“ erhalten hat.
Der Beginn ist wirklich interessant, man merkt sofort, dass viele Geheimnisse in der Luft liegen und nicht jeder die ganze Wahrheit sagt, oder Dinge verschweigt. Die Ausgangssituation hat man schnell verinnerlicht. Es passieren viele ungewöhnliche Dinge gleichzeitig, aber einen Zusammenhang scheint es nicht zu geben. Unwahrscheinlich viele Fragen werden aufgeworfen, die ich erstmal sortieren musste. Stück für Stück erfährt man von den Beteiligten, was sie beobachtet haben und jeder (einschließlich dem Leser) zieht andere Schlüsse daraus. Die Handlung ist unheimlich komplex, ständig hatte ich das Gefühl etwas überlesen zu haben. Das macht das Verständnis und das Vorankommen nicht gerade einfach. Ich gebe zu, dass ich ohne die Lovelybooks-Leserunde sicher aufgegeben hätte. Durch die vielen Charaktere und Schauplätze ergibt sich zwar nach und ein immer größeres Bild von den Geschehnissen, aber auch die Wiederholungen werden immer mehr. Sicher an der einen oder andere Stelle war ich über eine Zusammenfassung dankbar, aber die Wiederholungen haben mich auch ermüdet. Leider hat das meine Lesefreude getrübt.
Mit fortschreitender Seitenzahl nimmt auch das Tempo zu, die Kapitel werden kürzer und die Erkenntnisse werden größer. Man muss aber wirklich immer sehr aufmerksam lesen, um nichts zu verpassen.
Wie der Titel es schon sagt, dreht sich das Buch um Gestirne und zwar in astrologischer Sicht. Jeder der 12 Männer aus der Versammlung steht für ein anderes Sternzeichen. Es gibt auch mehrere Schautafeln im Buch, die die Konstellation der Gestirne (also Charaktere) zueinander verdeutlichen sollen. Auch die Kapitelüberschriften lauten „Jupiter im Schützen“ und so ähnlich. Mich hat das alles mehr verwirrt, als dass es mir beim Verständnis geholfen hat. Vielleicht, weil ich auch im wahren Leben nicht so viel mit Astrologie anfangen kann. Ich bin mir sicher, wer hierfür ein Faible hat, der wird noch mehr interessante Andeutungen finden können. Mich hat das eher verunsichert, da ich ständig das Gefühl hatte, mir würde etwas entgehen. Schade eigentlich.

Positiv in Erinnerung ist mir die Sprache geblieben. Es fühlt sich oft so an, als wäre man  wirklich im Jahr 1866; und nicht nur das. Manchmal kam es mir so vor, als wäre ein zeitgenössischer Roman. Fast so, als wäre auch die Geschichte Mitte des 19. Jahrhunderts verfasst. Die Sprache ist sehr bildhaft. Die Kapitel tragen noch dazu alle eine Art Zwischenüberschrift, die einer Zusammenfassung gleicht. In etwa so: „In welchem Kapitel Wells‘ Verdacht sich erhärtet.“ (S. 932) Mir fällt nicht ein, dass ich schon mal etwas vergleichbares gelesen habe.

Lieblingsnebencharakter: Ich glaube in diesem Buch kann man nicht von Nebencharakteren sprechen. Es gibt so viele Figuren, die nebeneinander auftreten und (fast) alle gleich wichtig sind. Sie haben auch alle interessante und abwechslungsreiche Vorgeschichten, daher möchte ich nicht entscheiden, wer mir mehr gefallen hat.
Ich würde heute mal den Erzähler nehmen und ihn zum Liebling küren. Er ist allwissend und spricht auch den Leser immer wieder direkt an. Man kann durchaus sagen, dass der Erzähler der Geschichte seinen Stempel aufdrückt, denn er entscheidet, was der Leser wann und in welchem Umfang erfährt. Noch dazu hat er eine eigene Meinung, mit der er nicht hinterm Berg hält. Es war sehr erfrischend ihm zu folgen. Hier eine kleine Kostprobe: „Weder die lästigen Unterbrechungen noch Balfours ausschweifende Art des Erzählens wären es wert, wortwörtlich wiedergegeben zu werden. Wir wollen ihre Makel tilgen […].“ (S. 69)

Fazit: Eine Geschichte mit unheimlich komplexer Handlung, die mich fast überfordert hat, da jedes noch so kleine Detail von Bedeutung ist. Das Lesen ist streckenweise mühsam, auch wenn die Sprache wirklich toll ist. Mich lässt das Buch mit gemischten Gefühlen zurück. Ich bin nicht zufrieden und hatte so meine Schwierigkeiten und dennoch ist ein einzigartiges Werk, das man nur schwer mit anderen Büchern vergleichen kann. Alles in allem hat der Lesespaß bei mir durch die vielen Handlungsstränge gelitten und ich bin mir sicher, dass ich viele Aspekte bis zum Schluss nicht richtig einordnen konnte, daher vergebe ich solide 3/5 Sternen. Die große Faszination hat sich bei mir leider bis zum Schluss nicht eingestellt.

Bewertung:
3 Stars

Bibliograpische Angaben:
Titel: Die Gestirne
Autorin: Eleanor Catton (Übersetzung: Melanie Walz)
Verlag: btb Verlag
ISBN: 9783442754793
Ausgabe: Hardcover (24,99 €)
Seiten: 1040

Rezension: „Der Junge, der mit dem Herzen sah“ von Virginia Macgregor

„Der Junge, der mit dem Herzen sah“ von Virgina Macgregor (Bildquelle: Manhattan)

„Oder vielleicht würden sich seine Augen ganz rapide verschlechtern, schneller als man gedacht hatte, und er würde nicht mehr in der Lage sein, noch irgendetwas zu sehen, nicht mal durchs kleinste Nadelöhr, und dann würde die Welt ganz schwarz sein und er konnte so tun, als wäre er gar nicht da.“ (S. 360)

Inhalt: Retinitis pigmentosa. So heißt die Augenkrankheit, des 9-jährigen Milo. Er sieht die Welt wie durch ein Nadelöhr. Alles abseits dieses kleinen Blickfelds ist nicht sichtbar für ihn. Er konzentriert sich immer stärker auf die Details in seinem Umfeld. So kümmert er sich auch rührend um seine 92-jährige Urgroßmutter Lou. Die beiden sind ein eingespieltes Team im Alltag. Nichts bringt sie so schnell auseinander, daher tut Milo alles, um Lou aus dem Pflegeheim zurück nach Hause zu holen. Dabei muss er sich mit der Pflegeheimleiterin auseinandersetzten und auch die Probleme seiner Mutter Sandy stehen ihm im Weg. Nur gut, dass er mit dem Koch Tripi und seinem Hausschwein Hamlet zwei verlässliche Freunde hat.

Leseeindruck: So recht weiß ich nicht, wie ich beginnen soll, denn spontan fällt mir nichts bemerkenswertes an der Story ein. Am außergewöhnlichsten ist wohl noch Milos Krankheit und der damit verbundenen Fähigkeit den Fokus auf die Details in seinem Umfeld zu legen. Er entwickelt ein regelrechtes Gespür für die Dinge, die sich um ihn herum abspielen. Gepaart mit seiner empathischen Art für die Familie ist er der Einzige, der den Umständen im „Vergissmein-Nicht-Heim“ auf den Grund geht. Dort geht nicht alles mit rechten Dingen zu, aber keiner der Erwachsenen will das wahr haben, weil alle mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind.
Der Ausgang der Geschichte ist recht vorhersehbar, was wohl auch daran liegt, dass die Charaktere oft Stereotypen bedienen. Schnell merkt man, wer „Gut“ und wer „Böse“ ist. Leider bleiben dadurch auch die überraschenden Wendungen aus. Noch dazu gibt es eine Menge Wiederholungen. So wird die Geschichte um Milos Vater und die „Schlampe“ an mehreren Stellen erzählt, ohne dass sich für den Leser neue Erkenntnisse ergeben. Diese Doppelungen sind streckenweise ermüdend ist und einer der Gründe, weshalb ich das Buch zwischenzeitlich immer wieder bei Seite gelegt habe. Die Geschichte hätte an der eine oder anderen Stelle mehr Tempo vertragen, an anderen wiederum hätte ich mir eine umfassendere Charakterentwicklung gewünscht. Schwester Thornhill, die Heimleiterin ist so ein Fall, denn man erfährt nicht umfassend, weshalb sie bestimmte Dinge tut, dabei würde mich ihre Vorgeschichte wirklich interessieren.

Gefallen hat mir dagegen der Aufbau des Romans. Die Perspektive wechselt mit den Kapiteln immer wieder zwischen den Charakteren Milo, Lou, Tripi und Sandy. Der Leser kann sich so wunderbar in die einzelnen Figuren hineinversetzen und ihre Beweggründe besser verstehen. Positiv erwähnen möchte ich auch die heitere Erzählweise. Trotz aller Traurigkeit und bedrückender Momente, hat mich die Geschichte auch öfter zum Schmunzeln gebracht. Der syrische Koch Tripi sorgt mit seiner fast schon naiven Art für viel Heiterkeit, wenn er versucht mit den Tücken der fremden Sprache zu Recht zu kommen. Auch die Heimbewohner warten mit einer Menge skurriler Macken auf, die einen ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Außerdem ist die Geschichte kurzweilig, man kommt sehr schnell wieder rein, wenn man eine Lesepause eingelegt hat.

Lieblingsnebencharakter: Auch wenn die Heimbewohner mit liebenswerten Macken aufwarten können, ist mein Liebling doch ein anderer: Al, der neue Untermieter von Sandy, hat mir am meisten Spaß bereitet. Er bringt ein wenig Schwung in den Haushalt und hat ein Ohr für Milo. Er ist ein besonderer Typ, der so seine Geheimnisse hat. Die Szenen mit ihm haben mir am meisten Spaß gemacht.

Fazit: Die liebenswerten Charaktere können leider nichts daran ändern, dass die Story recht vorhersehbar ist. Auch die Charakterentwicklung bietet keine Überraschungen, daher ziehe ich insgesamt zwei Sterne ab. Alles in allem ist es eine nette Geschichte, um einen kleinen Jungen, der einfach alles wieder in Ordnung bringen will und dabei alle Sympathien auf seiner Seite hat, weil er von Ehrlichkeit, Freundschaft und Liebe geleitet wird. Ich vergebe solide 3 Sterne.

Bewertung:
3 Stars

Bibliographische Angaben:

Titel: Der Junge, der mit dem Herzen sah
Autorin: Virginia Macgregor (Übersetzung: Wibke Kuhn)
Verlag: Manhattan
ISBN: 9783442547494
Ausgabe: Paperback (14,99)

Das Rezensionsexemplar wurde vom Bloggerportal der Verlagsgruppe Random House zur Verfügung gestellt. Vielen Dank.

Rezension: „Seiten der Welt – Nachtland“ von Kai Meyer

„Seiten der Welt – Nachtland“ von Kai Meyer (Bildquelle: Fischer FJB)

„‚Das meine ich nicht, und das weißt du auch. […] Wir haben gewusst, gegen wen wir kämpfen und welche Ziele die Akademie verfolgt. Heute wisse wir überhaupt nichts mehr. Alles ist nur noch ein schreckliches … ich weiß nicht, Durcheinander.'“ (S. 373)

Inhalt: Der Widerstand gegen die Adamistische Akademie formiert sich neu, nachdem eine ganze Reihe Exlibri Zuflucht in der Residenz von Furias Familie gefunden haben. Furia und ihre Freunde Finnian und Cat versuchen die Akademie zu schwächen, um allen Bewohnern der bibliomantischen Refugien ein friedliches Leben zu ermöglichen. Neben vielen alten Bekannten bekommt es Furia nun aber auch noch mit den Mitgliedern der Drei Häuser zu tun. Und in den Nachtrefugien steigt eine Macht empor, die alles zu verschlingen bedroht. Eine Menge Spannung ist also garantiert.

Leseeindruck: Die Story legt ein ziemliches Tempo vor. Kaum hat die Geschichte angefangen, ist man auch schon wieder mitten drin und hat kaum Zeit, sich an den ersten Band zu erinnern. Trotzdem kommt man gut rein in die Story, da an der einen oder anderen Stelle die vergangen Ereignisse nochmal mit dem Hier und Jetzt in Verbindung gebracht werden. Trotzdem muss man gerade im ersten Drittel sehr aufmerksam lesen, um den Faden nicht zu verlieren, da die Beweggründe der einzelnen Figuren recht komplex sind. Noch dazu kommen eine Menge neuer Figuren hinzu, die man zunächst einordnen muss. Wer sich von der vielschichtigen Story nicht abschrecken lässt, der wird spätestens nach der Hälfte auf seine Kosten kommen.
Viele alte Bekannte tauchen auf, mit denen man mitfiebert und eine Menge abenteuerliche Dinge erlebt. Noch dazu spielt nun auch die Vergangenheit der einzelnen Figuren eine größere Rolle. Dennoch hätte ich mir eine größere Charakterentwicklung gewünscht. Im Vergleich zum ersten Band sind hier kaum Unterschiede zu erkennen. Vielleicht liegt das auch am hohen Tempo, mit dem die Geschichte vorangetrieben wird. An der einen oder anderen Stelle hätte ich als Leser auch mal eine Verschnaufpause gebraucht, um mit den neuen Gegebenheiten klarzukommen. Gerade Isis Gemütszustand könnte mehr Raum einnehmen, da sie eine Menge aufs Spiel setzt, um sich für den Widerstand einzusetzen.
Die Vielzahl der Charaktere findet sich auch an den unterschiedlichsten Orten wieder. Durch die Sprünge, die Bibliomanten wie Furia mit Hilfe von Büchern machen können, reisen die Figuren um die ganze Welt. Das macht die Geschichte sehr abwechslungsreich und doch hatte ich am meisten Freude, sobald die Handlung in der Residenz gespielt hat.
Die Residenz strahlt eine gewisse Sicherheit aus, ich konnte also auch als Leser den Familiensitz der Rosenkreuz als Zuflucht nutzen 🙂 Das Zusammenleben der Exlibri bietet eine Menge Abwechslung und ich hätte gern noch mehr darüber erfahren. Immerhin Pip, der kleinere Bruder Furias, bleibt uns erhalten. Er ist ein liebenswürdiger kleiner Kerl, der einen ziemlich guten Draht zu den Exlibri hat. Schade nur, dass die Leselampe und der Lesesessel so selten in Erscheinung treten. Ich könnte ihnen bei ihren Streiterein ewig zuhören. Dafür sorgt Furias Seelenbuch, ein Schnabelbuch, für viele bissige Kommentare.
Es gibt so viele tolle bibliomantische Erscheinungen, da finde ich die Lösung des Hauptkonflikts doch unpassend, aber lest selbst. Zumindest ist sie schlüssig und mach definitiv Lust auf den dritten Teil. Denn man merkte diesem Band schon an, dass er einen Übergang zum Finale herstellen soll. Es bleiben eine Menge offener Fragen, auf deren Antwort wir wohl noch eine Weile warten müssen.

Lieblingsnebencharakter: Patience, der Exlibri aus dem „Nackenbeißer“-Roman, ist so ein durch und durch guter Kerl, man kann ihn einfach nur gern haben. Er ist eine Art Aufpasser besonders für Pip und nimmt seine Rolle sehr ernst. Sein Schicksal hat mich wirklich berührt, denn an ihm merkt man erstmal, was es heißt aus seiner Geschichte zu fallen. Er meistert die neue Rolle mit Hilfe seiner neuen Freunde sehr gut. Kurz und gut, er hat das Herz einfach am richtigen Fleck. Ich hoffe, wir begegnen ihm im nächsten Buch wieder.

Fazit: Mir gefällt die Idee der Geschichte. Das gedruckte Buch mit all seiner Ausstrahlung steht im Mittelpunkt. Mit Hilfe von Büchern können Bibliomanten fantastische Dinge erreichen und haben eine tolle Welt erschaffen, die nun bedroht ist. Die Geschichte ist wirklich einfallsreich und spannend mit vielen skurrilen, liebenswerten aber auch hinterhältigen Charakteren. Ich hätte mir mehr Charakterentwicklung gewünscht und dafür vielleicht den einen oder anderen neuen Charakter weniger, denn an einigen Stellen war es wirklich schwierig den Überblick zu behalten. Gerade im ersten Drittel der Geschichte gibt es einige schleppende Passagen, da der Leser auf dem Laufenden gehalten werden muss, um dann wieder durch die Story zu rasen. Dieser Wechsel hat mich ein wenig gestört. Manchmal hatte ich das Gefühl es soll zu viel Information in eine Szene gepackt werden.
Insgesamt vergebe ich gute 3 von 5 Sternen, da man der Story anmerkt, einen Bogen zum Finale zu schlagen, bleiben viele Fragen offen. Wer den ersten Band mochte, der wird einiges Neues über die bibliomantische Welt und die Adamistische Akademie lernen und viele alte Bekannte wieder treffen. Man sollte sich aber auch darauf einstellen, neue Charaktere ins Herz zu schließen.

Bewertung:
3 Stars

Bibliographische Angaben:
Titel: Seiten der Welt – Nachtland (Seiten der Welt – Band 2)
Autor: Kai Meyer
Verlag: Fischer Verlage (Fischer FJB)
ISBN: 9783841421661
Ausgabe: Hardcover (19,99€)

Reihenabfolge:
Band 1: Seiten der Welt (Rezension)
Band 2: Seiten der Welt – Nachtland

 

 

 

Rezension: „Was fehlt, wenn ich verschwunden bin“ von Lilly Lindner

„Was fehlt, wenn ich verschwunden bin“ von Lilly Lindner (Bildquelle: Fischer Verlage)

„[…] Hauptsache, ich kann bei dir sein. Weil wir doch Schwestern sind […]. Nicht auf Schritt und Tritt und auch nicht in jedem Moment im Leben. Aber wenn es darauf ankommt. Und wenn es hügelig wird. Oder kalt und dunkel.“ (S.84/85)

Inhalt: Phoebe und April sind nicht nur Schwestern, sie sind fast schon beste Freundinnen oder Seelenverwandte. April ist krank, sie hat Magersucht. Ihre kleine Schwester Phoebe versteht die Welt nicht mehr und macht sich auf die Dinge so ihren eigenen Reim. Alles hält sie in Briefen an April fest, denn ihre besondere Sprache ist für sie der einzige Weg ihre Gefühle und Gedanken jemandem mitzuteilen. Phoebe ist eine kleine Kämpferin, die nicht nur ihre Schwester unglaublich vermisst, sondern auch noch alleine mit ihren Eltern klarkommen muss, die nichts mit ihren vielen Worten anfangen können.

Leseeindruck: Die Worte, die April und Phoebe füreinander finden sind schon besonders. Gerade die kleine Phoebe kann unheimlich gut mit Worten umgehen und lässt so ihre Eltern auch recht oft sprachlos zurück. Aber ich muss schon sagen, dass ich mich erst auf diesen Erzählstil einlassen musste. Die Briefe von April sind einseitig, da Phoebe (aus verschiedenen Gründen) nicht antworten kann. Wir erleben das Schicksal der großen Schwester also auf Phoebes Sicht. Das hat schon manchmal eigenwillige Züge, denn die kleine ist aufgeweckt und wahnsinnig clever für ihre 10 Jahre. Mir fiel es an der einen oder anderen Stelle selbst schwer zu glauben, dass so ein kleines Ding so vernünftige Schlussfolgerungen ziehen kann. Und trotzdem ist der Stil durchaus glaubwürdig, denn Phoebe sieht alles mit ihren ehrlichen Kinderaugen, hinterfragt alles und jeden und nimmt dabei jeden (besonders ihre Schwester) so wie er ist. Außerdem ist ihr Stil geprägt durch eine Menge einfacher Hauptsätze, die meist auch eher kurz sind. Und doch packt sie so viel Bedeutung in ihre Sätze. Wirklich toll. Sprachlich muss man vor der Autorin den Hut ziehen. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich die Geschichte lange Zeit habe ruhen lassen (so ca. nach 100 Seiten), da mir zu wenig passiert ist. Ich hatte mir wahrscheinlich etwas anderes vom Buch erwartet. Vielleicht eine vom Schicksal gebeutetelte Familie wie in „Beim Leben meiner Schwester“ oder so etwas. Diese Familie ist aber zumindest bis zu einem gewissen Punkt selbst für alles verantwortlich. Diese oft auch unschöne Wahrheit hatte mir wohl nicht gefallen, weshalb ich das Buch bei Seite gelegt habe. Der zweite Anlauf hat mich allerdings eines besseren belehrt: Die Geschichte macht wirklich Spaß, denn in Phoebes Briefen gibt es so viel zu entdecken: Wortneuschöpfungen wie zum Beispiel der „Wörterverrater“ (S. 175) – aber findet ruhig selbst heraus, was das ist – kluge Erklärungen und so viel Liebe für die Schwester. Das restliche Buch habe ich in einem Rutsch durchgelesen.  Gemeinsam mit April und Phoebe habe ich eine Menge Höhen und Tiefen erlebt, außerdem erfährt man nach und nach mehr über die gemeinsame Vergangenheit und das Familienleben. Ich muss schon sagen, da bleibt ein Kopfschütteln nicht aus, so hilflos (aber auch verständnislos) wie Aprils Eltern der Krankheit ihrer Tochter gegenüber stehen. Eines hat mich aber doch gestört, auch wenn es nur eine Kleinigkeit sein mag. Die Geschichte spielt in Berlin und es tauchen so viele englische Vornamen auf. Ok, April und Phoebe, diese Namen werden für mich ganz plausibel erklärt, aber dann gibt es noch Jerry, Devon, Hazel, Betsy, River. Ich weiß, so etwas ist künstlerische Freiheit
aber aus irgendeinem Grund habe ich mich wirklich daran gestört, weil es für mich nicht ins Gesamtbild passen wollte.

Lieblingsnebencharakter: Jerry, der Vater von Phoebes Freundin Hazel. Er kann mit der Wortgewalt der beiden Schwestern umgehen und versucht beide aufzufangen und ihnen das Schicksal erträglicher zu machen. Er hat etwas sehr wertvolles getan, ohne viel Worte darüber zu verlieren.

Fazit: Ein sehr berührender Briefroman. Es hat mich zwar zwei Anläufe gebraucht ihn zu lesen, aber ich bin ja so froh, dass ich ihn nochmal zur Hand genommen habe. Sonst wäre mir wirklich etwas entgangen. Ich habe nach einiger Zeit auch aufgehört mir schöne Textstellen zu markieren, denn man kann das Buch auf einer beliebigen Seite aufschlagen und wird ein wunderschönes Zitat finden. Dieses Buch sollte man nicht nur einmal lesen, denn darin kann man jedes Mal etwas lehrreiches entdecken. Für mich ist es kein klassisches Jugendbuch. Wer mit der Verwendung von Sprache etwas anfangen kann, der wird die Briefe mit viel Vergnügen lesen. Ich vergebe 4/5 Punkten, da sich mir das Buch erst beim zweiten Mal offenbart hat. Würde ich nur meinen zweiten Anlauf bewerten, würde ich ohne zu zögern die volle Punktzahl vergeben. Also lest selbst 🙂

Bewertung:
4 Stars

Bibliographische Angaben
Titel: Was fehlt, wenn ich verschwunden bin
Autorin: Lilly Lindner
Verlag: Fischer Verlage
ISBN: 9783733500931
Ausgabe: Taschenbuch (9,99 €)

Rezension: „Mein Herz und andere schwarze Löcher“ von Jasmine Warga

„Mein Herz und andere schwarze Löcher“ von Jasmine Warga (Bildquelle: Fischer Verlage)

„Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen und sehe ihn an. Er lächelt mir vorsichtig zu, und in dem Moment bin ich mir ziemlich sicher, dass ich meinen Selbstmordpartner gefunden habe.“ (S. 72)

Inhalt: Aysel ist ein unglücklicher Teenager, der von Depressionen geplagt wird. Sie will nicht mehr leben und sucht im Internet nach einem Selbstmordpartner. In Roman wird sie fündig, denn auch er sieht nach einem tragischen Vorfall in seiner Familie keinen anderen Ausweg mehr. Also beginnt der Weg der beiden 26 Tage vor ihrem geplanten Ende. Wohin wird der Weg führen, in den Tod oder zurück ins Leben?

Leseeindruck: Die Geschichte wird aus Aysels Sicht erzählt. Schnell merkt man, dass sie eine gebrochene Seele hat. Nur das „Warum?“ bleibt lange unklar. Man kann nur erahnen, woher ihre Depressionen kommen. Allerdings bekommt man einen intensiven Einblick in ihre Gefühlswelt. Es hat mich zum Teil schon sehr stark mitgenommen, wie schlecht es Aysel geht. Sie ist ein so cleveres Mädel, die es verdient hat zu lachen und ihr Leben zu genießen. In Roman findet sie einen wahren Gefährten. Die Szenen in denen die beiden etwas gemeinsam unternehmen haben mir am besten gefallen, denn die Chemie stimmt einfach und das merkt man als Leser sofort.
Für die Sprache und den Erzählstil gibt es einen Pluspunkt von mir, denn es ist schon sehr besonders wie Aysel alles (ob Tod oder Liebe) mit physikalischen Vorgängen vergleicht. Ich selbst kann nicht so viel mit Physik anfangen, habe Aysels Ausführungen aber immer gern gelauscht und auf diese Weise sehr schnell einen Zugang zu Aysel gefunden.

Eine Sache gibt es aber doch, die mich etwas gestört hat beim Lesen: Die Gespräche zwischen Aysel und Roman sind zwar sehr intensiv und schön zu verfolgen, jedoch kamen bei mir immer wieder Zweifel, ob zwei Teenager wirklich solche Gespräche führen würden. Ich fühlte mich ein wenig an die Dialoge in Dawson’s Creek erinnert, die ich auch schon immer etwas befremdlich fand. Deshalb ein Punkt Abzug. Ich bin mir sicher die Story würde auch mit ein wenig älteren Charakteren funktionieren, zu denen die Gespräche dann besser passen würden.

Lieblingsnebencharakter: Romans Mutter hat mir gut gefallen. Sie versucht immer das Richtige zu tun, um Roman zu beschützen ohne ihn zu erdrücken. Sie wird einzig und allein von ihrer Liebe zu ihm getrieben.

Fazit: Eine tiefgründige Geschichte über den Sinn des Lebens, Schuld und Liebe. Das Buch regt definitiv zum Nachdenken an und ist nicht nur mal für zwischendurch. Das Thema Depression wird in eine aufwühlende Story verpackt und wartet mit einem überraschenden Ende auf. Das gelungene Romandeüt bekommt von mir 4/5 Sterne.

Bewertung:
4 Stars

Bibliographische Angaben:
Titel: „Mein Herz und andere schwarze Löcher“
Autorin: Jasmine Warga (Übersetzung: Adelheid Zöfel)
Verlag: Fischer Verlage (Sauerländer)
ISBN: 9783737351416
Ausgabe: Hardcover (16,99 €)