Rezension: „Tagebuch eines Buchhändlers“ von Shaun Bythell

Cover „Tagebuch eines Buchhändlers“ (Bildrechte: btb)

„Die letzten Kunden des Tages – ein junges Paar, das ein paar Science-Fiction-Bücher kaufte – erzählte mir, dass sie ihren Urlaub damit verbrachten, antiquarische Buchhandlungen in ganz Großbritannien aufzusuchen. Es gibt doch noch einen Funken Hoffnung für uns.“

(S.372)

Inhalt: Shaun Bythell ist der Besitzer der größten Secondhand-Buchhandlung Schottlands. Eines Tages im Februar beschließt er, jeden Tag zu notieren, was er in der Buchhandlung so erlebt hat und mit seinem ganz eigenen Humor zu würzen.

Leseeindruck: Es hat so viel Spaß gemacht, Shauns Aufzeichnungen zu lesen. Zum einen liebe ich Bücher über Buchhandlungen und Antiquariate ja schon von vorn herein und zum anderen bin ich selbst Buchhändlerin und habe so viele Situationen aus meinem eigenen Arbeitsalltag wiedererkannt. Einfach herrlich.
Klar, Shaun ist ein eher mürrischer Zeitgenosse und man fragt sich hin und wieder: Warum arbeitet er in einem Beruf mit viel Kundenkontakt, wenn er doch lieber allein für sich wäre und offensichtlich ein dünnes Nervenkostüm hat? Ganz einfach, weil er Bücher liebt und dafür auch verrückte Kunden und eine leere Kasse in Kauf nimmt. In dieser Beziehung kann ich Shaun so gut verstehen. Leider ist es immer der eine unangenehme Kunde, der einem am Abend noch im Kopf rumschwirrt und nicht die 50 netten, höflichen und unkomplizierten. Shaun beschreibt die Situationen des Tages mit einem herrlich trockenen britischen Humor. Der Höhepunkt dessen ist wahrscheinlich seine ganz eigene Einstellung zu einem ganz bestimmten Ebook-Reader. Großartig, dass er seinen Überzeugungen Taten folgen lässt. Zudem hat er eine tolle Beobachtungsgabe, so dass es oft die kleinen Dinge sind, die seine Aufmerksamkeit erregen und die er witzig rüberbringt.
Eines sollte man sich aber beim Lesen immer wieder bewusst machen. Der britische Buchmarkt ist ganz anders gestrickt als der deutsche, denn zum Glück gibt es bei uns die Buchpreisbindung. (Ich könnte jetzt über Seiten eine Lanze dafür brechen, aber das ist ein Thema für einen eigenen Post) Außerdem ist das Geschäft mit antiquarischen Büchern auch nochmal ganz anders. (Gerade auch der Kampf mit und gegen das große A… ist um einiges härter wenn man auch um vernünftige Verkaufspreise kämpfen muss)
Es macht trotz aller Unterschiede sehr viel Spaß mal die Sicht eines Buchhändlers zum Arbeitsalltag kennenzulernen, zumal ihm auch so eine besondere Buchhandlung gehört. Er lebt mit Haut und Haaren dafür. Seine Angestellten sind ebenfalls von einer ganz besonderen Sorte (von sympathischen bis aufmüpfig und auch faul ist alles dabei). Es hat mich schon ein wenig gewundert wieviel Narrenfreiheit gerade Nicky hat… Sie sorgt zwar auch für eine Menge Lacher, aber das sollte kein Kriterium für eine Angestellte sein. Erstaunlich, dass Shaun es so lange mit ihr aushält.
Die einzelnen Tageskapitel lesen sich locker leicht weg und durch die eine oder andere eingestreute Anekdote gibt es immer etwas zu schmunzeln. (Ich sage nur Nicky und ihr Skianzug).

Lieblingsnebencharakter: Neben Shaun tauchen noch seine Angestellten und natürlich auch Kunden auf, wobei mir da außer Nicky keiner dauerhaft im Gedächtnis geblieben ist. Und Nicky konnte ich einfach nicht richtig in mein Herz schließen. Deshalb gibt es heute mal mein Lieblingsobjekt: Nachhaltig beeindruckt hat mich, die Tatsache, dass es ein Bett in der Buchhandlung gibt. Dieses kann man zu bestimmten Zeiten für buchen und zum Teil nutzen es auch die Angestellten. Da dieses Bett so viel Charme verbreitet, soll es hier genannt werden. :-)

Fazit: Ein charmantes Tagesbuch eines schottischen Buchhändlers, der zeigt, dass der Buchhandel kein Geschäft für Romantiker ist und trotzdem wird der Charme seiner Buchhandlung durch die Buchseiten hinweg transportiert. Ganz nebenbei ist es auch lehrreich und humorvoll und eine Hommage an den lokalen Buchhandel. Aus meiner eigenen Buchhändlersicht fällt es mir allerdings schwer zu beurteilen, wieviel Spaß man als Außenstehender hat. Leider kann ich nicht alle Sterne vergeben, da sich einfach auch viel wiederholt somit der Lesefluss an einigen Stellen etwas ins Stocken gerät.
Ich habe es aber alles in allem so gern gelesen, dass ich es nur wärmstens empfehlen kann.

Bewertung
4 out of 5 stars

Bibliographisch Angaben
Titel: Tagebuch eines Buchhändlers
Autor: Shaun Bythell
Übersetzung: Mechthild Barth
Verlag: btb
ISBN: 9783442718658
Ausgabe: Taschenbuch (11 Euro)

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