Rezension: „Ich erwarte die Ankunft des Teufels“ von Mary MacLane

Cover "Ich erwarte die Ankunft des Teufels"

Cover „Ich erwarte die Ankunft des Teufels“ von Mary MacLane (Reclam)

 „Der Teufel ist in Wirklichkeit der Einzige, an den wir uns wenden können, und er verlangt für jeden Dienst seinen vollen Lohn “ (S.33)

Inhalt: Man glaubt zunächst, man hielt ein Tagebuch einer jungen Frau um 1900 in Händen. Wie Mary MacLane selbst schreibt, handelt es sich vielmehr um eine Schilderung ihrer Gedankenwelt und Wahrnehmung der Welt. Und diese sind alles andere als gewöhnlich.

Leseeindruck: Ich weiß nicht genau was ich von diesem Büchlein erwartet habe, aber diese Wortgewalt definitiv nicht.
Vom ersten Satz an hat mich die Autorin gepackt. „Ich, neunzehn Jahre alt und im weiblichen Geschlecht geboren, werde jetzt, so vollständig und ehrlich wie ich kann, eine Darstellung von mit selbst verfassen, Mary MacLane, die in der Welt nicht ihresgleichen kennt.“ (S. 9) Und auf den folgenden Seiten lässt sie nicht nach. Fast jeder Satz ist besonders.

Hier noch ein paar Beispiele:

„Was täte ich, wenn die Erde aus Holz wäre, mit einem Himmel aus Papier!“ (S.18)

„Eine feine Linie nur unterscheidet ein Genie von einem Dummkopf. Oft wird diese Linie überschritten und ein Narr wird ein Genie, oder ein Genie wird ein Narr.“ (S. 41)

Ich könnte noch beliebig so weitermachen, es ist unglaublich welche Sprachgewalt in diesen paar Seiten steckt, die über den Zeitraum von gerade einmal etwa 3 Monaten verfasst wurden. Dabei vergisst man als Leser fast, dass der Text mehr als 100 Jahre alt ist. Er könnte ohne Probleme aus der Feder einer revoltierenden, selbstbewussten jungen Frau unserer Zeit stammen. Umso erstaunlicher ist es, dass Mary MacLane als Frau den Focus eben auf sich und ihre zerrissene Seele lenkt. Sie bricht eine Menge Tabus, angefangen von ihrer Schwärmerei für den Teufel und ihr offener Umgang mit ihrem Körper.

Es ist nicht verwunderlich, dass der Text bei Veröffentlichung für so viel Aufsehen gesorgt hat. Ich wünsche es mir, dass er auch heute noch viele Leser finden wird.

Übrigens hat der Reclam Verlag den Text um ein wissenswertes Nachwort der Übersetzerin Ann Cotten und ein Essay von Juliane Liebert ergänzt.

Fazit: Ein beeindruckender Text, der es verdient hat wiederentdeckt zu werden. So eine dichte Sprache findet man selten, daher geht ein besonderer Dank an die Übersetzerin, die bestimmt mehr als einmal um die richtigen Worte gerungen hat.

Für dieses Psychogramm muss man allerdings auch in der richtigen Stimmung sein. So faszinierend es auch ist, ist es doch auch sehr bedrückend und düster. Daher fehlt für mich der letzte Funken, um ohne Einschränkungen 5 Sterne vergeben zu können. Leider.

Wer den Lieblingsnebencharakter vermisst, wird feststellen, dass es in diesem Fall einfach unmöglich ist, die Kategorie zu bedienen. Aber lest es einfach selbst.

Bewertung
4 out of 5 stars

Bibliographische Angaben:
Autorin: Mary MacLane
Übersetzerin: Ann Cotton
Verlag: Reclam
ISBN: 9783150112564
Ausgabe: Hardcover (18 Euro)

Vielen Dank an Reclam und Lovelybooks für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.