Rezension: „Kim Jiyoung, geboren 1982“ von Cho Nam-Joo

Cover „Kim Jiyoung, geboren 1982“ (Bildrechte: Kiepenheuer & Witsch)

„Hatte eine Frau Schwächen, kam sie deshalb nicht infrage. War sie brilliant, galt sie als Unruhestifterin. Und was sagte man ihr, wenn sie mittelmäßig war? Tut uns leid, sie sind zu durchschnittlich ?“

(S.111)

Inhalt: Es ist die Geschichte einer durchschnittlichen jungen Koreanerin, die hier erzählt wird. Kim Jiyoung wächst in behüteten Verhältnissen auf, studiert, findet einen Job und Ehemann und bekommt ein Kind. Dabei ist die junge Frau einer Menge von gesellschaftlichen Pflichten ausgesetzt, denn nicht sie selbst allein kann über ihr Leben bestimmen, sondern die Männer in ihrem Umfeld beeinflussen ihre Entscheidungen zu einem großen Maß, denn sie ist nur eine Frau, wie eben so viele andere durchschnittliche Frauen.

Leseeindruck: Dieses Buch hat meine Aufmerksamkeit erregt, weil es in Korea spielt und ich bisher noch kaum in Berührung gekommen bin mit koreanischer Literatur, außerdem ist Kim Jiyoung fast mein Jahrgang und ich war neugierig wie eine Frau am anderen Ende der Welt wohl ihr Leben lebt. Ich habe einen Kulturschock und unzählige Unterschiede zu unserer europäischen Gesellschaft erwartet. Es sollte ganz anders kommen…

Zunächst kommt man ganz gut rein in die Story um Jiyoung und deren Familie. Die Sprache ist klar, ohne viel Ausschmückungen, fast schon distanziert und kommt mit nur wenigen Emotionen aus. Einzelne Szenen werden dabei immer wieder mit statistischem Material und belastbaren Fakten unterfüttert. Trotzdem ist dieses Buch eines der emotionalsten Bücher, das ich in letzter Zeit gelesen habe. Jiyoungs Geschichte weckt die verschiedensten Emotionen bei den Leser*innen, angefangen bei Mitgefühl über Traurigkeit bis hin zu blanker Wut. Warum ist das so? Ganz Einfach. Es geht eben nicht nur um das Schicksal irgendeiner jungen Koreanerin, sondern um das Schicksal so vieler Frauen auf der ganzen Welt und nicht nur in Korea.

Jiyoung soll Erwartungen erfüllen, die von außen an die herangetragen werden: Sei umsichtig, fleißig, bescheiden und eine gute Mutter eines Sohnes. Es hat mich schockiert, wie ganz selbstverständlich anders Frauen gegenüber Männern behandelt werden. Jiyoung und ihre Schwester bekommen viel mehr häusliche Aufgaben als ihr Bruder, sie haben die unpraktischer Schuluniform und sie müssen viel stärker für ihre berufliche Akzeptanz kämpfen als die männlichen Kollegen. Das schlimmste dabei ist, dass nicht nur Männer dieses System der Ungleichbehandlung unterstützen, sondern auch viele Frauen die gewohnten Bahnen beibehalten und unreflektiert übernehmen. Jiyoungs Mutter und Schwiegermutter üben ebenso diesen Druck aus. Dabei hat man ständig das Gefühl, die begangenen Fehler liegen bei Jiyoung, obwohl man im Innersten weiß, dass dem nicht so ist. So oft hätte ich mir mehr Unterstützung für sie gewünscht, denn jeder Mensch hat es verdient, dass er Rückhalt bekommt. Hier ist es dagegen so, dass alles gegen Jiyoung ausgelegt wird und statt Rückhalt gibt es Vorwürfe. Ein wirklich erschütternder Gesellschaftsbericht, der sich trotz der Entfernung zu Korea sehr nah und greifbar anfühlt. Nicht nur Frauen in Korea machen diese Erfahrung. Überall auf der Welt erleben Frauen ähnliche Dinge. Ich fühle mich im Moment so privilegiert, weil ich nur wenige Erfahrungen mit Jiyoung teile und doch sind auch mir nicht alle Situationen fremd. Diese Erkenntnis, dass ein wenig Jiyoung in all uns Frauen steckt, hat mich erschreckt, aber auch aufgeschreckt, denn nur wenn man ein Problem als solches erkennt, kann man daran arbeiten.

Lieblingsnebencharakter: So sehr Jiyoungs Mutter auch in den gesellschaftlichen Konventionen gefangen ist, versucht sie doch für alle ihre Kinder da zu sein und lenkt die Familienangelegenheiten mit viel Geschick. Schade, dass sie dies ganz im Hintergrund tut, aber immerhin. So sehr hätte ich mir gewünscht Jiyoungs Ehemann Daehyon wäre zu meinem Liebling geworden, weil ich mir sehr sicher bin, dass er sie unheimlich und ehrlich liebt, nur leider kann er dieser Liebe keine öffentlichen Taten folgen lassen.

Fazit: Dieses Buch bewegt. Es ist ein gesellschaftlicher Weckruf und dabei bei weitem nicht nur für Frauen lesenswert. Ich bin mir sicher, dass jeder Leser viel Mehrwert aus dieser Geschichte ziehen kann. Man muss es nur wollen. Trotz aller Sachlichkeit steckt dieser Roman voller Emotionen und ist es wert gelesen zu werden. Ich bin mir sicher, dass er auch so schnell nichts an Aktualität verlieren wird – leider. Umso wichtiger ist es, dass ihn so viele Menschen wie möglich lesen. Leute, lest dieses Buch, bitte!

Bewertung
5 out of 5 stars

Bibliographisch Angaben:
Titel: Kim Jiyoung, geboren 1982
Autorin: Cho Nam-Joo
Übersetzung: Ki-Hyang Lee
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 9783462053289
Ausgabe: Hardcover (18 Euro)

Ich danke dem Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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