Rezension: „Die Erfindung der Sprache“ von Anja Baumheier

Cover „Die Erfindung der Sprache“ (Bildrechte: Kindler Verlag)

„Überall waren Zeichen, allein für Sie vom Leben hinarrangierte, die sich nicht einmal die Mühe machten, den Anschein von Zufälligkeit zu erwecken.“

(S.62)

Inhalt: Oda, Hubert und Adam sind eine ganz normale Famile. Naja, vielleicht nicht ganz, denn Adam ist besonders, da er eine ganz eigene Beziehung zur Sprache hat. Außerdem sind ihm feste Strukturen sehr wichtig, um seinen Alltag meistern zu können. Adam stehen nicht nur seine Eltern zur Seite, sondern auch seine Oma Leska und Opa Ubbo und mit ihm die gesamten Einwohner von Platteoog. Als Erwachsener muss Adam nun seine gewohnten Verhaltensweisen über Bord werfen, um seinen verschwundenen Vater zu finden, damit seine Mutter zurück ins Leben findet. Eine ungewöhnliche Reise nimmt ihren Anfang, die Adam viel abverlangt.

Leseeindruck: Ach, wie schnell man Charaktere doch ins Herz schließen kann. Adam ist von Beginn an ein Sympathieträger und das nicht trotz seiner Macken, sondern genau deswegen. Er ist nicht perfekt und das ist genau richtig so. Er mag lieber mit Maschinen reden als mit Menschen und muss immer bestimmte Verhaltensmuster einhalten, um voran zu kommen. Ja, vielleicht sind Adam und mit ihm auch eine Menge der anderen Charaktere an der einen oder anderen Stelle überzeichnet, denn es gibt wirklich keine einzige Figur, die nicht irgendwie besonders ist, aber genau das mancht den Charme der Geschichte aus. Allesamt werden sie von ihrer menschlichen und auch verletzlichen Seite gezeigt, das macht es unheimlich einfach eine Bindung zu ihnen aufzubauen. Trotz der Schwere des Themas hat mich die Leichtigkeit der Geschichte beeindruckt. Zum einen entsteht die genau durch die überzeichneten Charaktere und Situationen, von denen man sich nur schwer vorstellen kann, dass diese einem auch in der Realität begegnen können. Zum anderen ist die Sprache selbst so großartig. Leska mit ihrem tschechischen Akzent oder eben Adams rationale Art mit dem Drang immer Listen zu verfassen, lockern die Ernsthaftigkeit immer wieder auf. Ingesamt ist es eine eher heitere Story, die einen super vom eigenen Alltag ablenkt und dafür sorgt, dass man in Gedanken auf Reisen geht.

Adams Reise ist dabei so etwas wie ein ungewollter Roadtrip. Er stolpert von einer eigenartigen Situation in die nächste und bleibt dabei einfach immer der liebenswerte Held (sehr passend ist in diesem Zusammenhang übrigens der Bezug zum klassischen Heldenepos). Ich muss aber auch zugeben, dass Adam für mich die Geschichte trägt, denn es gibt so viele Figuren in der Geschichte, die am Rande auftauchen, dass es mir hin und wieder schon zu viel geworden ist. Immer wieder habe ich Adam herbeigesehnt, deshalb konnte bei mir die Gegenwartshandlung auch deutlich mehr punkten als die Rückblicke zur jungen Oda. Vielleicht hat es aber auch daran gelegen, dass ich so überhaupt keinen Draht zu Hubert aufbauen konnte. Ja, er soll rätselhaft sein, das macht ihn aus, aber leider trägt er in meinen Augen auch nicht allzuviele Sympathiewerte in sich. Im Prinzip haben die meisten Probleme ihren Ursprung in seiner Person. Auch wenn es am Ende eine Erklärung für Huberts Verhalten gibt, hat mich die Lösung doch nicht so zufriedengestellt, wie ich es mir gewünscht habe. Aber das mag im Auge des Betrachters liegen. In jedem Fall ist Adams Entwicklung mehr als gelungen und ich freue mich so für ihn.

Man mag sich fragen, wass es mit dem Titel „Die Erfindung der Sprache“ auf sich hat. Das ist quasi das Buch in der Geschichte, das der Auslöser für Adams Reise ist. Allerdings hat der Titel bei mir bewirkt, dass ich mit falschen Erwartungen an das Buch gegangen bin. Ich habe mir ein Buch über Sprache erträumt. Das ist es aber nicht. Ja, Sprache spielt eine nicht unwesentliche Rolle, aber es sind doch eher die Zahlen, die Adams Leben prägen. Trotzdem kommt Sprache nicht zu kurz, denn es gibt unzählige Anspielungen auf Sprachtheorie, die ganz nebenbei mit eingebaut werden und sich wie selbstverständlich ins Geschehen einordenen. Mich hat das an alte Unitage erinnert und ich hätte nie gedacht, dass man Linguistik so gekonnt in einen Unterhaltungsroman einbauen kann. Wirklich einfallsreich.

Lieblingsnebencharakter: Im Prinzip besteht dieses Buch aus unzähligen Nebencharakteren, denn alle, die nicht zur Adams Familie gehören, könnten hier genannt werden. Irgendwie ist es bei der Fülle schwer sich zu entscheiden und noch dazu waren sie mir manchmal auch zu viel. Schließlich ist mir doch Adam besonders ans Herz gewachsen, deshalb sollen hier die Charaktere genannt werden, die für Adam wichtig waren und sind:

  • Zola – weil sie Adam zu der Reise animiert hat und ihn sofort mit all seinen Ecken und Kanten akzeptiert hat.
  • Zola, die Katze – einfach weil es sie gibt und Treue belohnt werden muss.
  • der Koffer – weil er nie von Adams Seite weicht und sicher noch viel mehr Reisen unternehmen will.
  • Martha – weil sie Adam wichtig ist – zu Recht.
  • die Reklametafel – weil es sie gibt, lest selbst.

Fazit: Adams Geschichte bewegt auf mehreren Ebenen. Es ist eine rührende Familiengeschichte, zeichnet aber auch die Reise zu sich selbst nach und macht dabei unheimlich viel Spaß. Außergewöhnliche Charaktere treffen auf verrückte Situationen. Manchmal scheint das etwas zu viel zu sein und doch bietet der Roman eine tolle Mischung aus Komik und Drama. Hin und wieder hätte ich mir mehr Adam und weniger drumherum gewüscht, aber macht euch am besten selbst ein Bild, denn unterhaltsam ist das Buch in jedem Fall.

Bewertung
4 out of 5 stars

Bibliographisch Angaben:
Titel: Die Erfindung der Sprache
Autorin: Anja Baumheier
Verlag: Kindler
ISBN: 9783463000237
Ausgabe: Hardcover (20 Euro)

Ich danke dem Verlag für die Bereitstellung des Leseexemplars.

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