Rezension: „Die Chroniken von Alice – Finsternis im Wunderland“ von Christina Henry

„Die Chroniken von Alice – Finsternis im Wunderland“ (Bildrechte: Random House)

„Sie starrte auf das Mauseloch, als erwarte sie, dass jeden Augenblick etwas Furchtbares daraus hervorkröche, als könnte jederzeit das Kaninchen aus diesem kleinen Loch herauskommen und sich zu voller Größe aufrichten und zu Ende bringen, was es begonnen hatte.“

(Seite 11)

Inhalt: Alice ist mittlerweile eine junge Frau, die in einer Irrenanstalt in der alten Stadt sitzt, da sie als Jugendliche von einem Kaninchen entführt wurde, wie sie sagt. Im Laufe der Zeit wird ihr Zellennachbar der Axtmörder Hatcher zu Ihrem Verbündeten. Mit ihm gelingt ihr die Flucht, allerdings wird dabei auch das sagenumwobene Ungeheuer Jabberwock befreit vor dem wirklich jeder unsagbare Angst hat und nur Alice kann ihn in die Schranken weisen, um gleichzeitig zu erfahren, was es mit ihrer Vergangenheit auf sich hat.

Leseeindruck: Eines vorweg: Ich habe „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll nie im Ganzen gelesen. (Ich weiß, das ist kaum zu glauben, da ich mehrere Ausgaben im Schrank stehen habe und ich die Motive von „Alice im Wunderland“ wirklich mag) Ich kann also nichts dazu sagen, wie stark die Figuren verändert wurden, oder welche besonderen Abwandlungen es gibt. Dazu fehlt mir einfach der Vergleich. Eines kann ich aber sagen: Dieses Buch bietet auch ohne Vorwissen tolle Unterhaltung. Gefangen hat mich gleich der Beginn mit einer vermeintlich verrückten Alice und dem nicht ganz zurechnungsfähigen Hatcher im Irrenhaus. Was für eine vielversprechende Ausgangsposition.
So rasant wie es beginnt geht es im ganzen Roman weiter. Eine Verfolgungsjagd nach der nächsten mit zwischenzeitlichen Kampfszenen bestimmen die Handlung. Dabei darf man nicht zimperlich sein, denn es fließt eine Menge Blut in sehr anschaulichen Bildern. Die Gewaltdarstellungen sind nicht so mein Ding, mir ist das einfach zu heftig. Auf der anderen Seite tragen diese Szenen viel zur Atmosphäre im Buch bei. Es ist eine brutale, skrupellose und korrupte Welt, in der die Mächtigen ohne Rücksicht auf Verluste über alle anderen herrschen. Jeder scheint nur auf seinen persönlichen Vorteil aus zu sein. Alice stellt da eine angenehme Ausnahme dar. Sie sieht, wenn jemand Hilfe braucht und ist auch bereit dafür Umwege und weitere Gefahren in Kauf zu nehmen. Auch mich haben die Schicksale der Figuren zum Teil richtig mitgenommen. Ausbeutung und sexuelle Gewalt sind in der alten Stadt an der Tagesordung. Einfach nur schrecklich. Besonders das Schicksal der Schmetterlingsfrauen hat mich ergriffen. Nach diesem Kapitel musste ich erstmal eine Lesepause einlegen. Trotzdem musste ich das Buch einfach beenden, weil es eben auch faszinierend ist. Es gibt eine Menge außergewöhnliche Figuren und Situationen. Ich bin mir sicher, dass man noch viel mehr Spaß hat, wenn man die Motive aus „Alice im Wunderland“ kennt. Ich habe sicher nur einige Anspielungen wiedererkannt. Mit Figuren wie Grinser, Kanninchen oder auch riesen Ratten wird es nie langweilig. Man will einfach wissen, wie das alles für Alice ausgeht, weil man im Verlauf der Handlung auch immer mehr über die Vorgeschichte von Alice und Hatcher erfährt. Damit bekommen beide eine Tiefe im Charakter, die neugierig macht. Gleichzeitig bleibt die Spannung kontinuierlich auf einem hohen Niveau. Wirklich toll.

Lieblingsnebencharakter: Neben den Schmetterlingsfrauen hat mich das Schiksal von Pipkin sehr berührt. Er ist in mehrerer Hinsicht ein wahrer Kämpfer. Noch dazu steht er für Zuversicht, da er sich nie aufgegeben hat und am Ende
anderen eine Perspektive bietet. Ich hab ihn sehr ins Herz geschlossen und hoffe sehr darauf ihn im zweiten Band wiederzutreffen.

Fazit: Eine außergewöhnliche Adaption eines Klassikers. Man könnte fast sagen, es ist eine Fantasy-Action-Geschichte. Aber auch ohne jegliches Vorwissen macht die Geschichte Spaß, obwohl einem sicher etwas entgeht, wenn man das Original nicht kennt. Nichts für sensible Leser, da kaum ein Kapitel ohne Blut und Gewalt auskommt. Daher vergebe ich 4 gute Sterne. (Vielleicht ändere ich meine Meinung nochmal, wenn ich endlich das Original gelesen habe.)

Übrigens ist das Buch rein optisch eines der schönsten, das ich im Regal habe. Die reliefartige Struktur des Covers und der bedruckte Seitenschnitt sind ein wahrer Hingucker. Da kann kein ebook mithalten. Dieses Schmuckstück sollte man einfach in den eigenen Händen halten.

zauberhafter Seitenschnitt vom „Die Chroniken von Alice“

Bewertung
4 out of 5 stars

Bibliographische Angaben:
Titel: Die Chroniken von Alice – Finsternis im Wunderland (Dunklen Chroniken Bd. 1)
Autorin:
Christina Henry
Übersetzung: Sigrun Zühlke
Verlag: penhaligon
ISBN: 9783764532345
Ausgabe: Hardcover (18 Euro)

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