Rezension: „Milena und die Briefe der Liebe“ von Stephanie Schuster

Cover „Milena und die Briefe der Liebe“ (Bildrechte: Aufbau)

„Sie würde sich selbst aus dem Sumpf erheben, alles, was sie zukünftig erlebte, mit dem Blick einer Journalistin wahrnehmen. Das fühlte sich nach einer Zukunft an, einem echten Hoffnungsschimmer.“

(S.126)

Inhalt: Die Geschichte der jungen Milena beginnt 1916 in Prag. Sie erzählt von einer selbstbewussten aufgeschlossenen Frau, die mitten im Leben steht und auch in Zukunft selbst über ihr Leben bestimmen will. Das Aufeinandertreffen mit dem Schriftsteller Kafka prägt Milena über Jahre hinweg, schließlich verbindet die beiden nicht nur die Liebe zur Literatur, sondern auch die Sicht auf das Leben. Über Jahre hinweg schreiben sich die beiden Briefe und geben sich gegenseitig Halt, den sie von ihrem direkten Umfeld nur schwer bekommen. So ist Milena in einer unglücklichen Ehe mit Ernst Pollack gefangen und Franz Kafka wird von einem Lugenleiden geplagt.

Leseeindruck: Es hat unheimlich Spaß gemacht, diese besondere Frau Milena Jesenská kennenzulernen. Sowohl ihre Person, als auch Kafka selbst strahlen etwas geheimnisvolles aus, so dass man ganz schnell das Besondere in der Verbindung der beiden zu sehen, zumal Kafka Milena mit seinem Buch „Briefe an Milena“ ein Denkmal gesetzt hat. Es ist schön zu sehen, dass nun Milena im Mittelpunkt der Geschichte steht. Es ist ganz alleine ihre Biographie, um die es geht, ja ohne Kafka wäre sie vielleicht nicht die Person, die sie geworden ist, aber das trifft ja auf uns alle zu. Wir alle werden von unserem Umfeld und unseren Mitmenschen geprägt, aber dies ist ihr Buch, ihre Geschichte, genau das gefällt mir so. Der Leser erlebt das Geschehene mit ihren Augen, sieht ihr Leid, aber eben auch ihre Freuden. Milena ist eine sehr vielschichtige Person, die so einige Fehler hat und gerade zu Beginn ist sie der Prototyp einer verwöhnten Arzttochter. Schnell merkt man jedoch, dass ihr ganzes Verhalten einfach nur ein Ventil ist, um mit den Bevormundungen und Ungerechtigkeiten in ihrem Leben klarzukommen. Gerade die Männer in ihrem Leben, angefangen bei ihrem Vater bis hin zu ihrem späteren Ehemann Ernst sind alle nur zum davonlaufen. Es wird über Milena bestimmt, wie über eine seelenlose Sache. Sie muss sich letztendlich fügen und lernt erst nach und nach ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Sicher, vor über 100 Jahren mag es gesellschaftliche Norm gewesen sein, dass Frauen nur zu einem gewissen Maße selbst über ihr Leben bestimmen konnten, das zu lesen und mit Milena zu erleben, hat mich dennoch sehr bedrückt.

Kafka ist im Prinzip der Gegenentwurf zu all den Männern, die bisher eine Rolle in Milenas Leben gespielt haben. Er ist sensibel und rücksichtsvoll und wenn er körperlich dazu in der Lage gewesen wäre, dann hätte er Milena auch eine starke Schulter sein keinen. Trotzallem fügt auch er sich letztendlich wieder in das Bild ein, indem Milena ohne ihn durchs Leben gehen muss. Ihr Alltag, der vom Kampf um Anerkennung aber auch dem puren Überleben gekennzeichnet ist, steht dabei im Mittelpunkt. Mit jedem einzelnen Tag wird Sie mehr und mehr zu einer selbstbestimmten Frau, die es ganz genau versteht ihr Umfeld zu beochbachten und darüber als Journalistin Berichte zu schreiben. Ihre Beobachtungsgabe hätte ich auch sehr gern.

Neben all den Bezügen zu Kafka und der Unmenge, die man auch ganz nebenbei zu seiner Person und zu Milena erfährt, hat mich die Frage der Identität in dem Roman besonders beschäftig. Prag ist zu der Zeit ein kultureller Schmelztigel und Teil des Vielvölerstaats Österreich-Ungarn und das wird auch im Roman deutlich. Milena ist Tschechin, die aber auch gut deutsch spricht und sich in deutschen Künstlerkreisen bewegt. Später lebt sie dann in Wien und wird im neu entstandenen Österreich oft als die Ausländern gesehen, weil sie eben aus Prag kommt. Diese Suche nach Identität zieht sich durch den ganzen Roman und gibt ihm eine gewisse geschichtliche Tiefe. Neben Prag lernt man als Leser auch Wien kennen und wird Zeuge von europäischer Geschichte. Die Fäden aus realer Kulisse und der Fiktion eines Romans werden hier ganz sanft miteinander verwoben, so dass man wirklich das Gefühl hat, mit Milena durchs Leben zu gehen und auch ihre Charakterentwicklung ganz nah miterlebt.

Lieblingsnebencharakter: Mit dem Wissen um die ganze Geschichte ist es ihr Vater, war ich zu Beginn noch sehr enttäuscht von ihm, zeigt sich doch im Laufe der Zeit, dass die Liebe zu seiner Tochter doch die Oberhand gewinnt. Eine Wendung, die mich wirklich gerührt hat.

Natürlich darf auch ein Wort zu Milenas Kater nicht fehlen. Er ist ein wahrer Seelentröster und ich habe jede einzelne Szene geliebt, in der er vorkam.

Fazit: Ein lehrreiches Buch zu Milena Jesenská, die eine lange Brieffreundschaft mit Franz Kafka geprägt hat und doch so viel mehr war, als „nur“ die Brieffreundin von Kafka. Dieses Buch erzählt ihre bewegte Geschichte, angefangen in Prag bis über die Wiener Jahre. Sicher hätte man auch ihre späten Jahre noch mit ins Auge fassen können, allerdings hätte das sicher wegen der Dramatik den Rahmen eines lockeren Unterhaltungsromans gesprengt, denn genau das ist „Milena und die Briefe der Liebe“. Dabei meine ich das in keiner Form abwertend. Der Roman unterhält auf lockere Art und Weise, wie im vorbeigehen lernt man etwas über Prag, Wien, Kafka und natürlich Milena Jesenská. Wer auch nur für eines der Themen ein Faible hat, sollte sich den Roman mal genauer anschauen.

Bewertung:
4 out of 5 stars

Bibliographisch Angaben:
Titel: Milena und die Briefe der Liebe
Autorin: Stephanie Schuster
Verlag: Aufbau
ISBN: 978-3-7466-3593-4
Ausgabe: Taschenbuch (12,99 Euro)

Vielen Dank an den Aufbau Verlag und die Autorin Stephanie Schuster, die mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.

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