Rezension: „Hawaii“ von Cihan Acar

Cover „Hawaii“ von Cihan Acar ( Bildrechte: Hanser Literturverlage)

„Wieder ein Tag, an dem ich nichts gefunden hab. Ich schau nur nach hinten, nie nach vorne. Ich bin einundzwanzig und denke wie einer, der schon alles hinter sich hat. So was ist nicht gesund. Ich müsste gerade die beste Zeit meines Lebens haben.“

(Kemal, Seite 159)

Inhalt: Kemal war einmal Profifussballer in der türkischen Liga und lebt jetzt wieder in der alten Heimat Heilbronn – im Stadtteil Hawaii, wo er versucht wieder Anschluss und einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Aber wer ist er überhaupt? Ein Fußballer, ein Türke, ein Arbeitsloser oder doch einfach nur Kemal, der glücklich sein will?

Leseeindruck: Ich gebe zu, dass ich das Buch wegen seines Covers und dem großen Aufdruck „Hawaii“ in die Hand genommen habe, dann hat mich der Klappentext natürlich erstaunt, denn es geht um das von Industrie geprägte Viertel „Hawaii“ in Heilbronn, in dem nichts sonnig ist. Aber genau das, hat von Anfang an eine Faszination auf mich ausgeübt. Wer ist dieser Kemal und warum ist er kein Profifußballer mehr? Genau diese Fragen stellt sich Kemal auch, in den wenigen Tagen, die man ihn als Leser begleitet. Dabei ist es wirklich schwierig darauf eine Antwort zu finden. Immer wieder ist man versucht in Schubladen zu Denken: Da die Deutschen, dort die Türken. Da das Geld und dort die Armut. Da die Nazis und dort die Ausländer. Dabei besteht eine Gesellschaft aus so viel mehr und nicht nur schwarz-weiß. Kemal steht so oft zwischen den Stühlen und versucht es immer irgendwie allen Recht zu machen, denn er will doch einfach nur leben. Mich hat diese Millieustudie erschüttert, vielleicht auch, da ich bis jetzt selbst so wenig damit Berührung gekommen bin. Ich habe einen Platz, an den ich gehöre und dafür bin ich sehr dankbar. Ich bin aber auch Cihan Acar dankbar, dass der allen Kemals da draußen eine Stimme gibt und uns aufrüttelt nicht immer nur in Schubladen zu denken und den einzelnen Menschen eine Chance zu geben, ihre Geschichte zu erzählen. In jedem Fall ist der Roman schonungslos. In Kemals Umfeld herrscht Gewalt und nur wer Geld hat, ist auch wer. Natürlich spielt der Autor auch mit einer Menge Klischees, die er aber gekonnt nutzt, um beim Leser Erwartungen zu schüren, die dann nicht in allen Fällen bedient werden. So trifft man auf coole Gangs, versnobte Schnösel und krimminelle Pseudofreunde. Das alles erschafft ein sehr facettenreiches Abbild der Gesellschaft, in der Kemal sich bewegt mit vielen verschiedenen Charakteren. Von Kapitel zu Kapitel eskalieren die verschiedenen Konflikte immer mehr, bis es sich zum Ende hin im wahrsten Sinne des Wortes entlädt. Dieser Spannungsbogen ist wirklich toll umgesetzt. So will man es gar nicht mehr aus der Hand legen. Dabei kommt die Abwechslung nicht zu kurz, da es sowohl dramatisches, lustiges, verrücktes, brutales als auch skurriles zu lesen gibt.

Lieblingsnebencharakter: An dieser Stelle möchte ich zwei Charaktere, wenn man auch ein Auto so nennen darf, erwähnen. Es ist einfach unmöglich eine Entscheidung zu treffen, da beide so wichtig für So mal sind. Zum einen ist da sein Kumpel Rainer, für ich neben Kemal der einzige, der keine vorgefasste Rolle erfüllt. Er ist ehrlich, loyal und ohne Hintergedanken für seinen Freund da, das muss man einfach würdigen. Zum anderen besitzt Kemal einen Jaguar, der mit ihm durch dick und dünn gegangen ist. Dieser Jaguar ist soviel mehr als nur ein Auto, denn er hilft Kemal seinen Platz im Leben zu finden. Nicht jeder wird verstehen, dass man eine emotionale Beziehung zu einem Auto haben kann, wer es aber tut, der wird auch verstehen, warum der Jaguar etwas ganz besonderes ist.

Fazit: Ein Roman über die Frage nach dem eigenen Platz in der Gesellschaft, die Rolle, die man einnehmen will, aber auch die Erwartungen, die andere auf einen selbst projizieren. Schubladendenken und Klischees werden genutzt um ein Millieu abseits der gesellschaftlichen Mitte zu beschreiben und regen gleichzeitig zum Nachdenken an. Ein ungewöhnliches Setting und verrückte Situationen machen aus einem ernsten Thema einen unterhaltsamen und doch leicht zu lesenden Roman. 

Bewertung
5 out of 5 stars

Bibliographische Angaben:
Titel: Hawaii
Autorin: Cihan Acar
Verlag: Hanser
ISBN: 9783446265868
Ausgabe:  Hardcover (22 Euro)

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