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Rezension: „Das Buch der Spiegel“ von E.O. Chirovici

„Das Buch der Spiegel“ von E.O. Chirovici (Bildquelle: Goldmann)

„Sechsundzwanzig Jahre später sollte sich meine Sicht der Dinge ändern. Ich erfuhr die Wahrheit über die Ereignisse jener Monate – nicht dass ich danach gesucht hätte, sie traf mich vielmehr wie eine verirrte Kugel.“ (S. 90)

Inhalt: Das Fragment eines autobiographischen Buches sorgt für Aufsehen, da es genau an der Stelle endet, die die größte Spannung verspricht. Der Literaturagent Peter versucht nun mit Hilfe des Journalisten John und dem ehemaligen Polizisten Roy mehr über die ganze Geschichte zu erfahren. Was verband den jungen Schriftsteller Richard Flynn mit der Studentin Laura Baines und dem Professor Joseph Wieder? Was wusste Richard alles und wo befindet sich das komplette Manuskript? Die drei müssen eine Menge ungelöster Fragen der Vergangenheit klären, um die Wahrheit über die Ereignisse des Jahres 1987 herauszufinden. Dabei erzählen nicht alle Beteiligten die Wahrheit, denn kann man nach mehr als 20 Jahren seiner Erinnerung noch trauen?

Leseeindruck: Das Buch beginnt mit dem Manuskript Richard Flynns. Darin beschreibt der die Ereignisse des Jahres 1987 und wie alles zum tragischen Höhepunkt geführt hat. Schon diese Schilderung machte mich wahnsinnig neugierig, denn ich habe ständig versucht zwischen den Zeilen zu lesen, um vielleicht mehr über den Hergang der Tat zu erfahren. Ich kam mir schon selbst vor wie ein kleiner Ermittler, denn Richard schildert alles aus der Ich-Perspektive. Kaum nimmt die Geschichte so richtig an Fahrt auf, wechselt auch die Perspektive zu einem anderen Ich-Erzähler. Dieser Bruch lässt die Spannung nur noch stärker werden. Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich bei einem Buch so richtig gefesselt war, aber die Erzählstruktur der Geschichte ist wirklich einmalig. Mit mehr oder weniger vagen Andeutungen, der wechselnden Erzähler wächst beim Lesen die Erwartungshaltung und man ist ständig dabei die Geschehnisse im Kopf neu zu ordnen. Kaum hat man sich eine Theorie zurecht gelegt und glaubt die Wahrheit nun zu kennen, wird man im nächsten Kapitel eines besseren belehrt. Und das alles auch noch ohne irgendwelche Logiklücken. Ich hatte beim Lesen mehr als einen Aha-Moment.
Der Stil ist möglicherweise gewöhnungsbedürftig, denn jeder Erzähler schildert das Erlebte chronologisch und sachlich aus der Ich-Perspektive. Viel Emotionen werden nicht transportiert und doch fühlt man sich als Leser angesprochen. Es ist fast so, als begleite man die (privaten) Ermittler ganz nah bei ihren Recherchen. Man kann jeden Schritt verfolgen und nach und nach ergeben die vielen Einzelheiten ein umfassendes Bild, so dass man endlich die ganze Wahrheit über die schicksalhafte Nacht im Jahr 1987 erfährt.
Der psychologische Aspekt der Geschichte hat mir gut gefallen, hierbei dreht sich alles um unsere Erinnerungen und inwieweit man diesen trauen kann. Ein Thema, das in allen verschiedenen Erzählebenen aufgegriffen wird und auch mich als Leser nicht mehr losgelassen hat. Auch nachdem ich das Buch zugeklappt habe, habe ich mir noch Gedanken über den Ausgang der Geschichte gemacht und wie alles soweit kommen konnte. Ich kann mir gut vorstellen, dass man beim nochmaligen Lesen einzelne Abschnitte mit ganz anderen Augen liest, da man den Ausgang der Geschichte ja nun kennt.
Je nach Kapitel wechselten auch die von mir vergebenen Sympathiepunkte. War mir ein Charakter zu Beginn noch sympathisch konnte das 50 Seiten später schon wieder ganz anders aussehen, denn schließlich hatte ich jetzt mehr Informationen. Nur leider müssen die ja nicht richtig sein… Und schon waren die Karten wieder neu gemischt. Langweilig wird’s dem Leser auf keinen Fall, denn bis zum Schluß gibt es noch neue Enthüllungen zu entdecken.

Lieblingsnebencharakter: Ich muss zugeben, dass mir dieses Mal die Nebenfiguren nicht allzu sehr im Gedächtnis geblieben sind. Wobei sich in diesem Buch auch die Frage stellt, wer sind überhaupt die Nebencharaktere? Richard, Laura, Professor Wieder und Derek Simmons sind die Hauptfiguren des eigentlichen Falls. Peter, John und Roy versuchen in der Gegenwart die Wahrheit ans Licht zu bringen, und auch wenn ohne die drei eine Aufklärung des Verbrechens von 1987 nicht möglich gewesen wäre, spielen sie doch nur eine untergeordnete Rolle. Die spannende Geschichte hat sich 1987 zugetragen. Vor diesem Hintergrund wähle ich Roy zu meinem Lieblingsnebencharakter. Seine Motivation, die Geschichte aufzuklären ist besonders, noch dazu ist er am hartnäckigsten. Er hat sich einfach der Wahrheitsfindung verschrieben. Soviel Einsatz sollte belohnt werden.

Fazit: Ein unheimlich spannendes Buch mit vielen unerwarteten Wendungen. Niemals kommt Langeweile auf, ganz im Gegenteil die Spannung ist von Anfang bis Ende sehr hoch. Der Leser darf teilhaben an den Ermittlungen und dabei zusehen, wie die eine oder andere Theorie aufkommt und wieder verworfen wird, denn auch wenn man glaubt von Beginn an zu wissen, was wirklich passiert ist, man muss sich immer wieder eines besseren belehren lassen. Nichts ist so schwierig zu finden wie die Wahrheit, noch dazu, wenn man nur die eigene Erinnerung hat. Ein psychologischer Krimi, der sich mit der Macht der eigenen Erinnerung auseinandersetzt. Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung.

Bewertung:
5 out of 5 stars

Bibliographische Angaben:
Titel: Das Buch der Spiegel
Autor: E. O. Chirovici (Übersetzung: Silvia Morawetz / Werner Schmitz)
Verlag: Goldmann
ISBN: 9783442314492
Augabe: Hardcover (Preis: 20,00 EUR)

Rezension: „Der Jahrhundertsturm“ von Richard Dübell

„Der Jahrhundertsturm“ von Richard Dübell (Bildquelle: Ullstein)

 “ ‚Die Eisenbahn […] kann diese dumpfe Feindschaft überwinden. Wir bauen daran. Du, wir … was wir tun bringt den Frieden.‘ “ (S. 281)

Inhalt: Die Eisenbahn beginnt in der Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Siegeszug durch Europa. Die Welt ist im Umbruch und die europäischen Mächte ringen um die Vorherrschaft auf dem Kontinent. In diesen unruhigen Zeiten, die von revolutionären Gedanken geprägt ist, lernen sich Alvin, Paul und Louise kennen. Die drei könnten unterschiedlicher nicht sein. Alvin, ein preußischer Junker und Paul, ein bayrischer Techniker treffen auf die Französin Louise. Die drei müssen mit allerlei Schicksalsschlägen fertig werden und werden immer wieder von den Fehlern ihrer Vergangenheit eingeholt. Und als wäre das nicht schon genug, müssen die drei sich auch noch mit der Sehnsucht nach der großen Liebe rumschlagen.

Leseeindruck: Die mehr als 1000 Seiten dieses Romans lassen sich wirklich gut lesen. Man kommt gut rein in die Geschichte, denn die Figuren werden Kapitel für Kapitel vorgestellt, so ergibt sich schnell ein umfassendes Bild und man kann schnell seine persönlichen Sympathiepunkte vergeben. Klar, hier hat man einen typischen historischen Roman vor sich: Gut gegen Böse. Noch dazu bekommt man sofort mit, wer hier Intrigen spinnt und wer dagegen eine ehrliche Haut ist. Die Motive der einzelnen Figuren zeichnen sich schon von Beginn an klar und deutlich ab.
Man mag nicht immer einverstanden sein, mit den Entscheidungen, die die Charaktere treffen, aber doch erhält der Leser für alle Entwicklungen eine plausible Begründung geboten. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass die Figuren bestimmte Entscheidungen nur treffen, damit die Story an anderer Stelle oder an einem anderen Schauplatz weitergeführt werden kann. Besonders bei Louise hatte ich dieses Gefühl. Kaum ist sie glücklich, trifft sie Entscheidung, die nicht nur für ihr weiteres Leben von großer Bedeutung ist, sondern auch das Leben von Alvin und Paul auf den Kopf stellt. Auf diese Weise bleibt die Geschichte aber immer abwechslungsreich, denn man weiß als Leser nie, wo die Reise (im wahrsten Sinne des Wortes) noch hin geht.
Mir hat es gefallen, wie die Handlung um Alvin, Paul und Louise in den geschichtlichen Rahmen der Zeit eingefügt wurde. Die beginnende Industrialisierung mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes und die politischen Machtkämpfe der einzelnen europäischen Staaten bilden eine tolle Kulisse für die persönlichen Schicksale der Figuren. Man kann sich richtig gut in die Zeit reindenken und die Lebensumstände der Menschen nachempfinden. Hin und wieder sind mir aber gerade die Ausführungen zu politischen und militärischen Themen etwas zu umfangreich. Für meinen Geschmack hätte man da durchaus etwas raffen können, denn an der einen oder anderen Stelle ging es mir zu zäh voran. Das mag allerdings nicht jeder so sehen, wer sich vielleicht nicht so gut mit der politischen Situation in der Mitte des 19. Jahrhunderts auskennt, der wird über die Ausführen vielleicht ganz froh sein. Denn nur im Zusammenhang mit der jeweiligen politischen Lage lassen sich auch die privaten Entscheidungen der Figuren begründen. Da ich schon immer ein Faible für diese Zeit hatte, war mir die eine oder andere Erläuterung überflüssig.
Grundsätzlich kann ich aber nur den Hut ziehen: So umfangreiche und komplizierte politische Verhältnisse als Hintergrund für eine Familiengeschichte heranzuziehen ist dem Autor wirklich gut gelungen.

Lieblingsnebencharakter: In diesem Roman gibt es eine ganze Menge von wichtigen und unwichtigen Nebencharakteren. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir da der preußische Polizist Bronkowski. Der trägt das Herz auf der Zunge und ist dabei immer für einen Spaß zu haben. Alvin und Paul können froh sein ihn als Freund zu haben. Er hat den beiden von Beginn an den Rücken frei gehalten und dabei sein eigenes Wohlbefinden stets hinter an gestellt. Ein echter Freund.

Fazit: Ich mag die Familiengeschichte der von Briests wirklich sehr. Der Roman ist sehr abwechslungsreich. Von Freundschaft über Intrigen bis hin zu politischen Machtkämpfen ist alles enthalten. Schießereien wechseln sich mit romantischen Szenen ab, da sollten sich eine Menge verschiedener Leser angesprochen fühlen. Ein historischer Roman, der zwar auch eine Menge Klischees bedient, aber nicht doch auch überraschen kann. Gerade wer das ausgehende 19. Jahrhundert mag, wird die Kulisse der Geschehnisse lieben. An einigen Stellen war mir die Geschichte zu langatmig, aber alles in allem wurde ich gut unterhalten. Ein wahrer Schmöker, mit dem man ein paar nette Lesestunden verbringen kann.

Bewertung:
4 out of 5 stars

Bibliographische Angaben:
Titel: Der Jahrhundertsturm (Jahrhundertsturm, Bd. 1)
Autor: Richard Dübell
Verlag: Ullstein Verlag
ISBN: 9783548286648
Ausgabe: Taschenbuch (Preis: 9,99 €)

Reihe:
Bd. 1 „Der Jahrhundertsturm“
Bd. 2 „Der Jahrhunderttraum“

Rezension: „Das Paket“ von Sebastian Fitzek

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„Das Paket“ von Sebastian Fitzek (Bildquelle: Droemer)

„Das Einzige, was jetzt noch dringend genäht werden musste, war ihr Leben, das in mehrere Teile zerrissen war, […].  (S.249)

Inhalt: Der Postbote klingelt in einer gut behüteten Wohnsiedlung und bittet Emma Stein ein Paket für einen Nachbarn anzunehmen. Sie willigt ein, bevor sie merkt, dass sie keinen Nachbarn kennt, mit diesem Namen. Alles könnte so harmlos sein, wären da nicht Emmas traumatische Kindheitserinnerungen und ihre Begegnung mit einem Serienmörder vor einigen Monaten. Welchen Alptraum hat sie sich da nur ins Haus geholt und wie wird sie ihn wieder los?

Leseeindruck: Wieder einmal ein wirklich spannender Thriller von Sebastian Fitzek. Eine alltägliche Ausgangssituation, die wohl viele von uns schon mal erlebt haben, wird zur Grundlage für eine verstrickte Romanhandlung. Ein Paket für jemanden annehmen? Kein Problem. Doch dann beginnt das Kopfkino. Was ist in dem Paket, wer ist der unbekannte Nachbar? Genau das macht die Spannung dieses Buches aus. Emma hat eine so traumatische Vorgeschichte, dass man als Leser immer wieder den Atem anhält. Ihr passieren viele unerklärliche Dinge und nicht nur sie selbst denkt oft: Das kann doch jetzt nicht wahr sein, wieviel muss ich denn noch ertragen. Auch als Leser hatte ich oft genau dieses Gefühl.
Die Kapitel sind recht kurz, dadurch nimmt das Geschehen sehr schnell an Fahrt auf. Kaum hat man die Gedanken im Kopf sortiert, werden sie im nächsten Kapitel wieder durcheinander gewirbelt. Mehr als einmal habe ich geglaubt, ich sei dem Täter auf der Spur, doch jedes Mal wurde ich eines besseren belehrt. Es wird überhaupt viel mit den Erwartungen des Lesers (und auch Emmas) gespielt. Eingetreten sind meine aber nie, denn die Handlung ist alles andere als vorhersehbar. Trotzdem werden alle Fäden am Ende logisch verknüpft. Zwischendurch konnte ich mir nicht vorstellen, wie dieses ganze Geflecht aus Lügen und Intrigen noch aufgelöst werden soll, aber keine Sorge, es wird hervorragend aufgelöst. Allein schon für das Ende könnte ich 5 Sterne vergeben. Ich kann dazu wirklich nur eines sagen: Es ist nichts so wie es scheint. :-)
Gut gefallen haben mir auch die Ausflüge in die Psychologie. Emma ist selbst Psychologin und versucht sich mehr oder weniger selbst zu therapieren und nimmt daher ihr Umfeld mit einem ganz besonderen Blick wahr. Als Leser folgt man diesen Betrachtungen natürlich, daher konnte ich ihre Ängste sehr gut nachvollziehen und habe mit ihr mitgelitten. Wäre „Das Paket“ ein Film, hätte ich mich wohl das eine oder andere Mal hinter meinen Sofakissen versteckt. Das ging natürlich nicht, denn ich wollte da so schnell wie möglich weiterblättern, um einen der vielen Kapitelcliffhanger aufzulösen.
Nachdem ich das Buch nun beendet habe, ist mir umso bewusster geworden, welchen Einfluss die eigene Vorstellungskraft und auf das Handeln der Figuren hat.

Lieblingsnebencharakter: Ok, jetzt wird’s kompliziert. Ich hatte so einige Kandidaten auf dem Zettel, die sich dann alle selbst ins Aus geschossen haben, denn schließlich passieren einige Dinge, mit denen ich beim besten Willen nicht gerechnet habe. Also hat es die- oder derjenige letztendlich nicht verdient, dass ich ihn oder sie hier erwähne. Würde ich euch jetzt einen oder mehrere Charaktere nennen, dann würdet ihr wissen, dass er oder sie zu den Guten gehört. Tja, und das will ich nicht, hier wird ja nicht gespoilert. Also behalte ich meinen Liebling für mich und nehme stattdessen einen Gegenstand: Das Paket :-) Wirklich erstaunlich welche Auswirkung ein einfaches Paket auf einen Menschen haben kann.

Fazit: Ein toller Psychothriller. Vom ersten Kapitel an fesselnd und nie vorhersehbar. Die Suche nach dem Täter und dessen Motiv bringt viele Überraschungen mit sich und entwickelt sich zu einem sehr komplexen Geflecht, das wirklich erst auf den letzten Seiten aufgedeckt wird. Für tolle Unterhaltung gibt’s von mir die volle Punktzahl. PS: Ein Extralob geht an die Herstellung im Verlag, die dafür gesorgt haben, dass die erste Auflage des Buches wirklich in einem Paket steckt.

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„Das Paket“ eingepackt als Paket ;-)

Bewertung:
5 out of 5 stars

Bibliographische Angaben:
Autor: Sebastian Fitzek
Titel: Das Paket
Verlag: Droemer
ISBN: 9783426199206
Ausgabe: Hardcover (19,99 EUR)

Rezension: „Meine geniale Freundin“ von Elena Ferrante

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„Meine geniale Freundin“ von Elena Ferrante (Bildquelle: Suhrkamp)

„Ich befürchtete, dass sie etwas Schönes oder Schlimmes erlebte ohne dass ich dabei war. Es war eine alte Angst, eine Angst die mich nie verlassen hatte, die Angst, mein Leben könnte an Intensität und Gewicht verlieren, wenn ich Teile ihres Lebens verpasste.“ (S. 265)

Inhalt: „Meine geniale Freundin“ erzählt die Geschichte der Freundinnen Elena und Lila. Dabei ist Elena die Erzählerin. Die Mädchen wachsen im Arbeiterviertel Rione Neapels auf. Ein Milieu, in dem es sehr rauh zugeht, bestimmt den Alltag der Mädchen, deren Freundschaft alles andere als gewöhnlich ist.
Im ersten Band der neapolitanischen Reihe erfährt man wie die Freundschaft entstanden ist und welche Ereignisse Elena und Lila in ihrer Kindheit und Jugend geprägt haben.

Leseeindruck: Ich gebe zu, mich hat der Hype ums Buch sehr fasziniert. Keiner wusste wer hinter dem Pseudonym Elena Ferrante steckte. Überall ist man über das Buch gestolpert und die Leute redeten darüber. Ich wollte also auch wissen was an diesem Buch so besonders ist. Meine Erwartung an die Story und deren Faszination war also recht hoch.
Weder das Personenregister noch der rauhe Stil konnten mich also abhalten. Ich habe das Buch komplett gelesen. Allerdings habe ich recht lange dafür gebraucht, da ich es immer wieder zur Seite gelegt habe beziehungsweise legen musste.
Der Funke wollte einfach nicht überspringen. Es mag ja sein, dass es im Neapel der 1950/60er so derb zugegangen ist. Mir war das jedoch eine Spur zu heftig. Flüche und Gewalt sind an der Tagesordnung egal ob bei jung oder alt. Ich konnte mein Herz einfach für keinen der Charaktere erwärmen. Genauso ging es mir mit der Freundschaft der beiden Mädchen. Sie ist geprägt von Neid, Mißgunst und dem ständigen Wettbewerb der beiden untereinander. Sei es in schulischen, sozialen oder körperlichen Belangen. Dieses Verhalten hat mich sehr irritiert, denn das macht für mich keine Freundschaft aus.
Elena beschreibt die Ereignisse ihrer gemeinsamen Kindheit rückblickend als erwachsene Frau, vielleicht kommt daher auch der abgeklärte Tonfall. Zwischenzeitlich hatte ich tatsächlich vergessen, dass die beiden noch Kinder sind. So viel Rivalität und Abgeklärtheit erwarte ich nicht bei Kindern.

Als Milieustudie Neapels taugt die Geschichte weit besser. Der Leser verfolgt die Entwicklung zahlreicher Charaktere über mehrere Jahre hinweg. Freundschaften und Rivalitäten entstehen und vergehen wieder. Jeder steht zu jedem in irgendeiner Beziehung, deshalb wirken sich Entscheidungen eines Einzelnen auch immer gleich auf mehrere andere aus. Diese Dynamik hat mir schon gut gefallen, auch wenn ich zugeben muss, dass ich Elenas Entwicklung dabei deutlich interessanter fand als Lilas.

Die Faszination, die von Lila ausgeht ist bei mir nicht angekommen, vielmehr mochte ich sie mit jeder Seite weniger, was es natürlich schwer gemacht hat, überhaupt mit der Story warm zu werden.

Lieblingsnebencharakter: Ich habe tatsächlich keinen. Gerade in diesem Buch gibt es eine Unmenge an Charakteren und doch ist mir keiner dauerhaft in Erinnerung geblieben. Nicht die einzelnen Charaktere sind haften geblieben, sondern ein Gesamtbild des Rione in Neapel. Nicht der Einzelne zählt, sondern alle gemeinsam stellen die Gesellschaft dar.

Fazit: Eher eine Milieustudie Neapels als die Geschichte einer Freundschaft. Betrachte ich nur diesen ersten Band ist mir bis jetzt nicht klar, weshalb Lilas und Elenas Freundschaft so besonders ist. Wer irgendwann mal alle Bände gelesen hat, der wird vielleicht auch erkennen welche Auswirkungen der Beginn der Freundschaft auf das weitere Leben der Mädchen  haben wird.
Ich habe leider bis zum Schluss keinen richtigen Zugang zu den Figuren und deren Geschichte gefunden. Schade, denn ich war bereit mich auf die Story einzulassen. Aber vielleicht waren meine Erwartungen auch einfach zu hoch. Das Ende deutet immerhin auf einen konfliktreichen Fortgang der Geschichte hin. 3 Sterne vergebe ich für ein Buch, das nicht meinen Nerv getroffen hat, mir aber trotzdem noch im Kopf rumgeistert, weil es so anders ist und damit für eine Menge Gesprächsstoff sorgt.

Bewertung:

3 out of 5 stars

Bibliographische Angaben:
Autorin: Elena Ferrante (Übersetzung: Karin Krieger)
Titel: „Meine geniale Freundin“ (Neapolitanische Saga, Bd. 1)
Verlag: Suhrkamp
ISBN: 9783518425534
Ausgabe: Hardcover (22,- EUR)

Rezension: „Federflüstern“ von Holly-Jane Rahlens

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„Federflüstern“ von Holly-Jane Rahlens (Bildquelle: Rowohlt)

„Uns so taumelten sie in eine unbekannte und weit entfernte Vergangenheit, hinein in einen bitterkalten, schneeverwehten und tiefdunklen Dezembertag des Jahres 1891.“ (S. 82)

Inhalt: Oliver, Rosa und Iris bemerken einige seltsame Dinge. Warum hat Iris plötzlich eine Zahnspange und wer hat sich auf Rosas Prothese verewigt? Noch bevor die Kinder dem Spuk auf den Grund gehen können, beginnt auch schon ein neues Abenteuer. Gemeinsam mit Lucia, die plötzlich in der Buchhandlung Blätterrauschen auftaucht, geraten die Kinder in ein neues Abenteuer. Ohne Vorwarnung landen sie im Berlin der 1890er Jahre.
Jetzt müssen sie alles daran setzten wieder nach Hause zu kommen, doch wie sollen sie das anstellen, schließlich lauern eine Menge Gefahren auf Zeitreisende. Da kommt die Hilfe eines großen Literaten, der gerade in Berlin weilt, gerade recht.

Leseeindruck: „Federflüstern“ ist nach „Blätterrauschen“ der zweite Band der Zeitreisereihe von Holly-Jane Rahlens. (Übringens spielt auch „Everlasting“ im selben Universum, ist aber eine eigenständige Geschichte) Eines vorab: Man kann „Federflüstern“ auch ohne den ersten Band lesen, denn alles wichtige wird dem Leser erklärt. Ich habe die Zusammenfassung am Ende des Buches allerdings ignoriert, da ich „Blätterrauschen“ auch mit viel Freude gelesen habe. Zu Beginn der Geschichte werden viele Fragen aufgeworfen, die den Leser neugierig macht auf mehr und gleichzeitig auch auf die vergangene Geschichte (sollte man sie noch nicht kennen).
Sobald die Kinder sich dann im Jahr 1891 wiederfinden nimmt das Abenteuer so richtig Fahrt auf. Für mich war es sehr interessant zu sehen, wie die Epoche um 1890 dargestellt wird. Es sind so viele Kleinigkeiten, die sich seither verändert haben. Wie bewegt man sich in der Vergangenheit? Wohl kaum in Jeans und T-shirt. Oliver und Co. müssen also für viele kleine und große Probleme Lösungen finden und vor allem müssen sie den Kulturschock der Zeitreise verkraften. Mir hat es gefallen, wie clever die Kinder die Aufgaben lösen. Die Dynamik der Kinder untereinander ist geprägt von kleineren Neckereien, aber wenn es darauf ankommt,  steht die Freundschaft der drei an erster Stelle. Oliver, Iris und Rosa sind sehr verschieden, aber gerade das macht sie zu einem tollen Trio, denn sie ergänzen sich sehr gut. Wenn einer etwas nicht so gut kann, übernimmt es ein anderer. Schön ist auch das Wiedersehen mit einigen tollen Charakteren aus „Blätterrauschen“ und „Everlasting“. Mir hat es gut gefallen, dass die Handlung von „Blätterrauschen“ aufgegriffen wurde. Fans werden viele liebgewonnene Details wiedererkennen und neue Leser werden ganz nebenbei mit dem ersten Band vertraut gemacht.
Insgesamt liest sich die Geschichte flüssig und ist in vielen Szenen witzig. Denn egal wie bedrohlich eine Situation auch ist. Der Humor geht nie verloren. Mit ein wenig Ironie lassen sich schwierige Situationen doch viel besser meistern. Für den Leser wird es also nie langweilig, denn turbulente Szenen wechseln sich mit lustigen oder lehrreichen ab. Gerade die Zielgruppe der jungen Leser wird so bei Laune gehalten. Die einzelnen Kapitel sind nicht zu lang und enden auch meist an einer sehr spannenden Stelle, man ist also angehalten immer weiter und weiter zu lesen. (Nur das eine Kapitel noch, und noch eins und noch eins… :-) )
Das Thema Zeitreise ist im Buch auch sehr schön umgesetzt. Es gibt ja nicht wenige Zeitreisegeschichten, die hin und wieder mit Logiklücken zu kämpfen haben. In „Federflüstern“ wird alles plausibel erklärt und auch kompliziertere Facetten der Zeitreise, wie das Aufeinandertreffen mit dem eigenen Ich, werden anschaulich und verständlich in die Handlung eingebunden.

Lieblingsnebencharakter: Ich weiß jetzt überhaupt nicht, ob er wirklich „nur“ ein Nebencharakter ist, aber Mark Twain verdient es einfach hier nochmal erwähnt zu werden. Ich habe eine Menge über den Autor gelernt, was mir zuvor noch nicht so klar war. Er ist gut zu den Kindern und besticht durch seine offene und hilfbereite Art. Mein Highlight des ganzen Buches ist ein Gespräch zwischen Mark Twain und den Kindern über die Schwierigkeiten der deutschen Sprache. Einfach herrlich. „Die schreckliche deutsche Sprache“ gehört zu meinen Lieblingsbüchern und es war schön, dieses Thema mal in einer Szene eines Romans wiederzufinden.
„Federflüstern“ hat mich richtig neugierig auf Mark Twain gemacht, ich will jetzt unbedingt einen Roman von ihm lesen.

Fazit: Eine tolle Zeitreisegeschichte für alle Altersgruppen. Sowohl Jungs als auch Mädchen werden einen Charakter finden, mit dem sie sich identifizieren können und werden somit Spaß an der Story haben. Als erwachsener Leser sollte man sich nicht von den jungen Charakteren abschrecken lassen, denn das Zeitreisethema ist spannend umgesetzt. Für mich ist „Federflüstern“ eine tolle Mischung aus Abenteuerroman und Dedektivgeschichte. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung :-)

Bewertung:
5 out of 5 stars

Bibliographische Angaben:
Titel: Federflüstern
Autorin: Holly-Jane Rahlens (Übersetzung: Alexandra Ernst)
Verlag: Rowohlt rotfuchs
ISBN: 9783499217456
Augabe: Hardcover (16,99€)
empfohlenes Lesealter: ab 11

Reihe:
Band 1: Blätterrauschen (zur Rezension)
Band 2: Federflüstern

außerhalb der Reihe im gleichen Universum: Everlasting

Rezension: „Schwestern bleiben wir immer“ von Barbara Kunrath

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„Schwestern bleiben wir immer“ von Barabra Kunrath (Bildquelle: Ullstein Buchverlage)

“ ‚Es ist doch irgendwie so, als würden wir mit den alten Lasten unserer Eltern weiterleben. Als würden sie uns wie Schatten begleiten und sich bis heute auf unser Leben auswirken.‘ “ (S.187)

Inhalt: Alexa und Katja sind Schwestern mit schwieriger Vergangenheit. Vom Vater verlassen und von der Mutter vernachlässigt müssen sich die beiden um sich selbst kümmern. Jetzt als erwachsene Frauen könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Alexa lebt mit ihrem Mann und den zwei Kindern ein geordnetes Leben. Katja dagegen ist alleinerziehend und sprunghaft. Nach dem Tod ihrer Mutter entdecken die Schwestern einen Teil ihrer Familiengeschichte, der bis jetzt verborgen war. Sie müssen sich zusammenraufen, während sich um sie herum so ziemlich alles ändert.

Leseeindruck: Innerhalb des Romans wechselt immer wieder die Erzählperspektive zwischen der Ich-Perspektive Alexas und Katjas Erlebnissen in der dritten Person. Zwischendurch gibt es auch Passagen, die in die Kindheit der beiden zurückblenden und die Ereignisse von damals schildern.
Grundsätzlich ist die Erzählweise durch die verschiedenen Perspektiven abwechslungsreich und angenehm zu lesen. Allerdings fiel es mir so schwer einen Draht zu Katja zu bekommen, aber immerhin passt das ganz gut zu ihrem verschlossenen Charakter. Mit der Aufarbeitung der Vergangenheit erklärt sich auch so manche Macke von Katja und Alexa.
Leider wiederholen sich viele der Vergangenheitsszenen. Für mich war das unnötig, denn ich habe das Buch recht zügig gelesen und so hatte ich die Zusammenhänge noch im Kopf.
Trotzdem ist die Verknüpfung von Gegenwart und Vergangenheit eine gute Wahl. Ich finde es schon erstaunlich welchen Einfluss noch so kleine Kindheitserinnerungen auf die erwachsenen Figuren haben. Der Roman thematisiert auf anschauliche Weise wie Tief Wunden der Kindheit mitunter sitzen und welche Auswirkungen sie auf das ganze weitere Leben haben können.

Lieblingsnebencharakter: Esther, die Freundin von Alexas und Katjas Mutter. Sie macht es erst möglich, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Nur dadurch können die Frauen auch ihr jetziges Leben in den Griff bekommen.
Esther ist die Einzige, die von der ganzen Wahrheit weiß, damit wird sie eine wichtige Stütze für die ganze Familie. Sie ist im Prinzip die Einzige, die mir durch und durch sympathisch ist.

Fazit: Eine Familiengeschichte voller Geheimnisse, Tragödien und Schuldzuweisungen. Die negative Grundstimmung kann auf Dauer aber auch anstrengend sein. Der Roman ist allemal lesenswert, auch wenn er recht kurzweilig ist. Die Geschichte hat mich gut unterhalten, trotzdem kann ich keine volle Punktzahl vergeben. Viele Kleinigkeiten, wie Wiederholungen oder der eine oder andere Konflikt zu viel, stehen dem im Weg, daher gibts gute 3/5 Sternen. Wer Familiengeheimnisse, schwierige Familienverhältnisse und psychologische Aspekte mag, der ist mit dem Roman gut beraten und findet vielleicht auch leichter Zugang zu den Figuren.

Bewertung:
3 out of 5 stars

Titel: Schwestern bleiben wir immer
Autorin: Barbara Kunrath
Verlag: Ullstein
ISBN: 9783548288420
Ausgabe: Taschenbuch (9,99 €)

Vielen Dank an vorablesen und die Ullstein Buchverlage für das Bereitstellen des Rezensionsexemplars.

 

Rezension: „Bühlerhöhe“ von Brigitte Glaser

Buehlerhoehe „Wie schon so oft verfluchte sie diesen Auftrag und diese Reise. Kein Gespenst der Vergangenheit, das sie dabei nicht heimsuchte.“ (S. 358)

Inhalt: Die Bühlerhöhe ist ein erstklassiges Hotel im Schwarzwald. In den 1950er Jahren verbringt Konrad Adenauer dort regelmäßig seinen Sommerurlaub. So auch im Jahr 1952.
Auf dem politische Parkett dreht sich alles um das Wiedergutmachungsgesetz zwischen der Bundesrepublik und Israel. In diesem Spannungsfeld droht der Kanzler Ziel eines Attentäters zu werden.
Rosa Silbermann setzt alles daran den Kanzler zu schützen und muss sich damit auch mit ihrer Kindheit in Deutschland auseinandersetzten. Von ihrer Vergangenheit wird auch die Hausdame Sophie Reisacher wiederholt heimgesucht, wobei sie ihre ganz eigenen Ziele während des Kanzlerbesuchs verfolgt.

Leseeindruck: Mich hat das Buch wirklich überzeugt. Die Elsässerin Sophie und die jüdische Agentin Rosa, aus dem israelische Kibbuz Omarim bieten einen aufschlussreichen Blick auf die deutsche Gesellschaft der 1950er Jahre. Die beiden Frauen könnten nicht unterschiedlicher sein und haben doch eine große Gemeinsamkeit: Sie müssen, wie alle anderen Charaktere auch, mit den Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs zurechtkommen und ihren Platz in der neuen Gesellschaftsordnung finden.
Ich habe mich ehrlich gesagt bisher wenig damit beschäftigt wie sehr die Geschehnisse der 30er und 40er Jahre das Denken und Handeln der Bevölkerung in der jungen Republik noch beeinflusste. Nach außen sieht alles so aus, als wäre man zur Tagesordnung zurück gekehrt doch verarbeitet haben die wenigsten Menschen das Erlebte. „Bühlerhöhe“ führt dem Leser die Probleme und weiterhin bestehenden Konflikte der Menschen vor Augen.
Die Kapitel sind mit den jeweiligen Handlungsorten überschrieben. So verliert man trotz zahlreicher Handlungsstränge nie den Überblick. Der Handlungsverlauf bietet so einige Überraschungen mit denen ich nicht gerechnet habe. Langweilig wird einem als Leser nicht, schließlich muss man sich mit Geheimdiensten, Affären und Leichen auseinandersetzen. Das alles auch noch im beschaulichen Schwarzwald, in dem die bodenständigen Menschen ihren sympathischen Dialekt sprechen. Auch wenn die Geschichte Fiktion ist, kommt alles sehr authentisch daher.

Das einzige was mich ein wenig gestört hat, sind die vielen zufälligen Begegnungen und (früheren) Verbindungen der Figuren. Dieses Zugeständnis muss man wohl für eine spannende und temporeiche Story im beengten Raum eines Hotels bzw. eines Ferienorts machen.

Lieblingsnebencharakter: Agnes. Sie steht leider etwas im Schatten von Rosa und Sophie. Dabei hat sie selbst ein ergreifendes Schicksal. Sie ist ein guter Mensch, der einfach schon zu oft im Leben zur falschen Zeit am falschen Ort war.

Fazit: Eine spannende Geschichte mit vielen Überraschungen, noch dazu lehrreich. Das historische Gerüst der Handlung wurde gut recherchiert und bietet genug Raum für die Charakterentfaltung der einzelnen Figuren. Unterhaltung auf einem sehr guten Niveau.

Bewertung:
5 out of 5 stars

Bibliographische Angaben:
Titel: Bühlerhöhe
Autorin: Brigitte Glaser
Verlag: List
ISBN: 9783471351260
Ausgabe: Hardcover (20,00 €)

Vielen Dank an vorablesen und die Ullstein Buchverlage für das Bereitstellen des Rezensionsexemplars.

Rezension: „Mörder-Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind“ von Jonas Jonasson

Moerder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind von Jonas Jonasson

„Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind“ von Jonas Jonasson (Bildquelle: carl’s books)

„Man musste sich über die kleinen Dinge freuen. Zum Beispiel darüber, dass die Monate vergingen, ohne dass Mörder-Anders den Rezeptionisten oder sonst wen in unmittelbarer Nähe des Hotels ermordet hatte.“ (S. 18)

Inhalt: Was macht ein Mörder, der keiner mehr sein will? Er wird recht schaffen und ehrlich? Nicht, wenn er nach der Freilassung auf einen Rezeptionisten eines heruntergekommenen Hotels und eine Pfarrerin mit atheistischer Überzeugung trifft. Die drei ziehen gemeinsam ein Körperverletzungsgewerbe auf. Nur leider legen sie sich dabei mit einer Menge fragwürdiger Gestalten an. Ärger ist also vorprogrammiert.

Leseeindruck: Für mich war „Mörder-Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind“ mein erster Jonasson. So viele Leute sind von seinen Büchern begeistert, daher habe ich mir nun auch mal eines seiner Bücher vorgenommen.
Der Sprachwitz fällt sofort auf. Der lockere Stil macht den Einstieg in die Geschichte sehr leicht. Der Erzähler selbst streut immer wieder einen komischen Kommentar ein. So zum Beispiel: „[…] nicht, dass es unmöglich wäre Per Persson zu heißen oder von mir aus Jonas Jonasson, aber es kann ein bisschen eintönig wirken.“ (S.11) Überhaupt lebt die Story von skurrilen Begebenheiten und komischen Elementen. Egal ob es nun die Charaktere oder der Handlungsverlauf selbst ist. Alles ist skurril und überzeichnet. Ein Roadtrip der wirklich alles bietet, was das Slapsick- und Comedyherz höher schlagen lässt.
Nur leider liegt auch genau hier die Schwäche der Geschichte. Nach etwa der Hälfte hatte ich genug davon. Der Humor schlägt immer wieder in die selbe Kerbe. Irgendwann fand ich das nicht mehr lustig, sondern unnötig albern. Einfältige Gangster und bekehrte Mörder verlieren halt doch irgendwann ihren Reiz.

Lieblingsnebencharakter: Gar nicht so einfach sich zwischen all den verrückten Gestalten zu entscheiden. Aber unter all den Figuren ist der Kirchendiener Björn besonders; besonders pflichtbewusst, besonders eigensinnig und besonders hartnäckig.

Fazit: Eine humorvolle Story, bei der wirklich jede Situation einzigartig ist. Eine komische Begebenheit folgt auf die nächste. Man muss diese Art Humor allerdings mögen, um der Geschichte etwas abzugewinnen. Nachdem man das Buch zuschlägt, verschwindet die Story auch schnell wieder aus den Gedanken. Für kurzweilige Unterhaltung sind Mörder-Anders und seine Freunde allemal gut.

Bewertung:
3 out of 5 stars

Bibliographische Angaben:
Titel: Mörder-Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind
Autor: Jonas Jonasson (Übersetzung: Wibke Kuhn)
Verlag: carl’s books
ISBN: 9783570585627
Ausgabe: Hardcover (Preis: 19,99€)

Rezension: „Sturmland – Die Reiter“ von Mats Wahl

Mats Wahls Reiterin Cover

„Sturmland – Die Reiter“ von Mats Wahl (Bildquelle: Hanser)

„Elin kehrt zurück in die Küche, auf der Bildwand läuft der Wetterbericht. Orkanstärke landabwärts. Kommunikationsausrüstung zerstört und Server zusammengebrochen. […] Es wird Blutregen erwartet.“ (S. 59)

Inhalt: Die Natur spielt verrückt. Es gibt Stürme, Unwetter und weite Teile des Landes sind radioaktiv verseucht. In dieser unwirklichen Welt lebt die 16jährige Elin mit ihrer Familie. Die Ressourcen sind knapp, daher muss mit allem rücksichtsvoll umgegangen werden. Als wären die Lebensumstände nicht schon schwierig genug, müssen die Menschen auch noch in einer Art Polizeistaat leben, in dem man nur sich selbst vertrauen kann. Was tun also, wenn jetzt auch noch der eigene Bruder entführt wird?

Leseeindruck: Die Ausgangssituation ist so ganz nach meinem Geschmack, ein wenig Abenteuer, eine Liebesgeschichte in einer dystopischen Welt. Noch dazu eine Reihe, die der Charakter- und Handlungsentwicklung Raum bieten. Leider hat mir die Umsetzung nicht gefallen. Ich hatte die ganze Story über Probleme mich in den Stil einzufinden. Dieser ist sehr emotionslos und nüchtern. Es reihen sich fast nur Hauptsätze aneinander. Der Erzähler nutzt nur selten die Namen der Figuren, sondern Bezeichnungen wie „die Mutter“ oder „die Tochter“. Auch  umschreibende Adjektive oder Adverbien muss man lange suchen. Für meinen Geschmack ist der Stil etwas zu nüchtern, passt aber sehr gut zur düsteren Stimmung, die im Land herrscht.
Grundsätzlich fehlte mir aber die Spannung, da ich mich nicht in die Figuren einfühlen konnte, fiel es mir auch zunehmend schwer ihren Beweggründen zu folgen. Alles blieb für mich unnahbar. Sehr schade, denn ich hätte mich gern auf die Story eingelassen. Gerade Elin und Harald hatten für mich viel Potential, was leider (noch) nicht genutzt wurde.
Allerdings sollte man diesen Band auch als Auftakt für die ganze Reihe sehen. Schließlich muss erstmal in eine neue Gesellschaftsordnung und Figurenkonstellation eingeführt werden. Dadurch ging mir leider der Überblick verloren. Wer will was und warum? Diese Fragen haben sich für mich bis zum Schluss nicht beantwortet.
Ich muss leider sagen, dass mich dieser Band nicht neugierig auf die gesamte Reihe gemacht hat. Zumindest Band 2 werde ich noch eine Chance geben, um vielleicht noch mehr über die Absichten der Regierung und der Opposition zu erfahren und auch wie Elin mit ihrem Schicksal umgehen wird.

Lieblingsnebencharakter: Ich mag Harald sehr. Er scheint das „schwarze Schaf“ innerhalb seiner Familie zu sein. Aber sobald er fair behandelt wird, ist er loyal und steht hinter seinen Freunden. Mir gefällt, dass er ein ehrlicher Typ ist. Von seiner Sorte sollte es mehr in der Gesellschaft geben.

Fazit: Mir fiel es schwer den Beweggründen der Figuren zu folgen, auch da der Stil so anstrengend ist. Eine interessante Ausgangssituation bietet die Geschichte in jedem Fall. Wer mehr Geduld hat als ich, der wird der Story vielleicht mehr abgewinnen können.

Bewertung:
3 out of 5 stars

Bibliographische Angaben:
Titel: Sturmland – Die Kämpferin
Autor: Mats Wahl (Übersetzung: Gesa Kunter)
Verlag: Hanser
ISBN: 9783446249363
Ausgabe: Hardcover (14,90 €)
empfohlenes Lesealter: ab 13

Reihe: Sturmland
Band 1: Die Reiter
Band 2: Die Kämpferin
Band 3: Die Gesetzgeber
Band 4: Die Lebendigen
Band 5: Die Liebenden

Hier gehts zur Homepage der Reihe Sturmland.

Vielen Dank an den Hanser Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Rezension: „Romeo & Romy“ von Andreas Izquierdo

„Romeo & Romy“ von Andreas Izquierdo (Bildquelle: Insel Verlag)

 „Romy lächelte still in sich hinein. Sie konnten wunderbar gegen etwas sein, die Großzerlitscher, vor allem, wenn sie es nicht kannten. […] Was sie aber scheinbar nicht konnten, war, einen der ihren im Stich zu lassen. “ (S. 130)

Inhalt: Großzerlitsch ist alles andere als groß, sondern der Inbegriff eines verschlafenen Dorfes. Jeder kennt jeden und Traditionen sind den Alten im Dorf sehr wichtig. Romy kehrt in ihre Heimat zurück, nachdem ihre Karriere am Theater eine unerwartete Wendung nimmt. Ihr Auftauchen wirbelt das Leben der Alten gehörig durcheinander und an allem ist Romys Liebe zu Romeo und Julia Schuld.

Leseeindruck: Die Geschichte bietet alles zwischen Drama, Romanze und Komödie. Die amüsanten Momente leben zum größten Teil von Situationskomik und den skurrilen Dorfbewohnern. Der Funke ist bei mir sofort übergesprungen. Die gemütliche und liebenswerte Atmosphäre im Dorf kann man wirklich gut nachempfinden. All das hat dazu beigetragen, dass ich mit allen Charakteren mitgefiebert habe, egal wie absurd die Situation auch war.
Die Figuren sprechen so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, noch dazu hat auch der Erzähler den einen oder anderen Kommentar parat, der den Leser zum Schmunzeln bringt. Insgesamt kommt man so beim Lesen gut voran.
Trotz der heiteren Grundstimmung gibt es durchaus auch ernste und traurige Momente, aber auch die fügen sich gut in die Story ein, schließlich gehören auch das zum Leben. Die Geschichte bleibt so abwechslungsreich und eben auch glaubwürdig; trotz aller Komik.
Besonders gefällt mir, dass man als Leser so oft überrascht wird. Ob es nun die einzelnen Charakterentwicklungen sind, oder Romys Blick in die eigene Vergangenheit. Vieles kommt unerwartet, womit dem Leser immer neue Gründe geboten werden weiterzulesen.

Lieblingsnebencharakter: Auch wenn Romy eindeutig die Hauptperson der Geschichte ist, haben mich die anderen Dorfbewohner und ihr „Kampf“ um ihren Friedhof doch weit mehr berührt. Die Wahl bei all den liebenswerte Alten ist mir nicht leicht gefallen. Allerdings brauchte ich bei einigen länger, um hinter die verschlossene Fassade zu blicken. Auf Anhieb habe ich Bertram in mein Herz geschlossen. Er ist kauzige, liebenswert und loyal. Er hat es einfach verdient, an dieser Stelle nochmal erwähnt zu werden, auch wenn er den armen Emil bald in den Wahnsinn getrieben hätte. Böse kann man ihm einfach nicht sein.
Also: Ein Hoch auf Bertram!

Fazit: Ich bin ohne große Erwartung an das Buch gegangen. Ich hatte mir lediglich ein paar unterhaltsame Stunden gewünscht. Und die habe ich bekommen. Dem Leser wird eine Menge geboten und egal ob jung oder alt, jeder wird eine Figur finden, mit der er sich identifizieren kann oder mit der er besonders mitgefiebert.
„Romeo & Romy“ bietet gute Unterhaltung ohne kitschig zu sein. Für eine originelle Story, tolle Charaktere und letztendlich viele emotionale Momente vergebe ich volle 5 Sterne.

Bewertung:
5 out of 5 stars

Bibliographische Angaben:
Titel: Romeo & Romy
Autor: Andreas Izquierdo
Verlag: Insel Verlag
ISBN: 9783458361411  
Ausgabe: Paperback (14,99€)

Vielen Dank an den Insel Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.